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EUROPA ZUR ZEIT DER VÖLKERWANDERUNG.
Hauptzüge der Völkerwanderung im 4. und 5. Jahrhundert.
Eine Periode der Wanderungen eröffnet die Geschichte der Germanen.Die historische Kunde von ihnen beginnt mit dem Zuge, welcher gewaltigeScharen derselben vom Nordwesten Deutschlands nach dem Süden führt.Es sind die Cimbern und Teutonen, welche im Jahre 113 v. Chr. bei Noreja,einem Orte des heutigen Steiermark, an der Grenze des römischen Reichesanlangen. Seitdem beherrscht lebhafte Bewegung die germanische Welt, undnur wenige Pausen sind zu verzeichnen, in welchen sämtliche Stämme auflängere Zeit sich ruhig verhalten. Doch gelangt niemals bei allen Völker-schaften ein gemeinsames oder einheitliches Drängen zum Durchbruch, son-dern immer regen sich nur einzelne Teile zu Sonderunternehmungen, und einmannigfaches Schicksal begleitet ihre Bahnen. So bietet die germanischeVölkerwanderung ein buntes Bild von Ereignissen ohne engeren Zusammenhang.
Während der Ansturm der Teutonen und Cimbern infolge ihrer Nieder-lagen bei Aquä Sextiä (Aix en Provence) 102 v. Chr. und bei Vercellä (west-lich von Mailand) 101 v. Clir. wirkungslos für Südeuropa verlief, führte erim Norden der Alpen wichtige Wandelungen herbei. Bis dahin nämlich ge-hörte das obere Deutschland den Kelten, erstreckten sich die Sitze der Ger-manen nur nördlich des Mains, des Erzgebirges und seiner östlichen Fort-setzungen zwischen dem Rhein und der Weichsel, sowie auf das rechte Uferdieses Stromes hinüber, wo im Osten die Stämme der letto-slawisclien Völker-gruppen (Ästii und Venedi d. h. Wenden) grenzten. Diese Verteilung derLänder erlitt eine Veränderung durch die Nachwirkungen des Cimbernzuges.
Es war derselbe durch die Gebiete der Sueben, die westlich der Oderund an der Elbe-Saale wohnten, gegangen, und brachte unter ihnen einenachhaltige Bewegung in Elufs, welche sich in einer mächtigen Ausbreitungnach Südwesten geltend machte. Am weitesten drangen die suebischenScharen unter der Führung des Ariovistus vor; dieser überschritt im Jahre71 v. Chr. den oberen Rhein und behauptete in der Mitte von Gallien eineherrschende Stellung, welcher Cäsar im Jahre 58 v. Chr. ein Ende machte.Dauernd dagegen blieb die Besetzung des ehemals keltischen Landes zwischenMain und Donau durch suebische Scharen. Zu ihnen gehören die Marko-mannen, welche ihr Häuptling Marobod um 8 v. Chr. nach Böhmen führte,das seinen Namen von den Bojern, den alten keltischen Bewohnern, trägt.
Um das Jahr 16 v. Chr. schienen die nordischen Völker wieder auf derganzen Linie in heftigem Ansturm begriffen und die Gefahren so dringendzu sein, dafs Kaiser Augustus selbst nach Gallien, welches Cäsar bis 50v. Chr. erobert hatte, zur Abwehr herbeieilte. Die Reihe der Kämpfe, welchenun sich entspannen, brach Tiberius 16 n. Chr. ab, um die Germanen ihreninneren Zwisten zu überlassen. Die Römer glaubten nach Gründung derProvinzen Rhätien (mit Vindelicien), Norikum, Pannonien auf der rechtenSeite des oberen Donaulaufes die Sicherheit ihres Reiches durch eine starkeBefestigung der Rhein- und Donaulinie erreicht zu haben. Kaiser Trajan(98—117) und Hadrian (117—138) ergänzten diese Verteidigungswerke durchein grofsartiges System von Schutzwehren und Kastellen zwischen den beidenStrömen. Die äufserste Grenze davon bildete der limes oder Pfahlgraben,welcher von Kehlheim bis unterhalb Koblenz lief und das sogenannte Deku-matenland von den germanischen Gebieten abschlofs.
Diese Veranstaltungen erwiesen sich aber auf die Dauer nicht für hin-reichend gegen die Germanen. Zwar machte sich bis in die Mitte des2. Jahrhunderts n. Chr. ein gewisser Stillstand in den Bewegungen derselbennach aufsen hin geltend. Indessen nach dieser Ruhepause erhebt sich vonneuem der Sturm und wirft die Wogen der Völkerwanderung gegen dierömischen Grenzwälle. Diesmal geht die Bewegung vom Nordosten Deutsch-lands aus. Hier safsen auf beiden Ufern der Weichsel die gotischen Stämme,zu welchen die Vandalen, die Skiren, Rugier u. s. w. gehören. Bei ihnenentwickelte sich durch die Vermehrung der Bevölkerung eine aufserordent-liche Expansionsfähigkeit; um 150 n. Chr. findet ein anhaltendes Schiebenund Drängen statt, infolge dessen ein Teil nach Süden auswich und auf dieMarkomannen, sowie deren verwandte Nachbarn, die Quaden im Gebieteder March, einen Druck ausübte. Nichts andres, als das Bedürfnis, neueWohnsitze zu gewinnen, veranlafste diese Angriffe der Germanen auf dasrömische Gebiet. Sie werden zusammengefafst als Markomannenkriege(165—181 n. Chr.), deren Schauplatz der ganze Oberlauf der Donau ist.Bald macht sich auch ein Pressen gegen die Rheingrenze bemerklich.
Die Bedeutung der Markomannenkriege beruht darin, dafs die Offensive,welche die germanischen Völker gegen die Römer wieder ergreifen, nichtmehr ruhen will. Es treibt die Not den Überschufs der Bevölkerung, welchereine Versorgung in der Heimat nicht zu erhalten vermag, fortwährend über dierömische Grenze. Seitdem hören kleinere oder gröfsere Germanenscharen nichtauf, die nördlichen Provinzen des Imperium zu überfluten. Die Gefahr fürItalien wuchs, als im 3. Jahrhundert n. Chr. die Isolierung der einzelnenStämme und Gaue, welche bisher nebeneinander in völliger Abgeschlossenheitbestanden hatten, einer Vereinigung der näher verwandten Elemente Platzmachte. Es erscheinen die gröfseren Völker verbände der Alamannen (d. h.der Sueben zwischen Main, Limes und Donau), der Franken auf dem rechtenUfer des unteren Rheins und der Sachsen im Rücken der letzteren. Dieseengere Gruppierung, welche durchaus nicht sogleich eine straffe Bundes-verfassung herbeiführte, erleichterte immerhin das Zusammenfassen vonmächtigeren Streitkräften und ermöglichte Unternehmungen gröfseren Stiles.Ein Beispiel hiervon bietet die Eroberung des Dekumatenlandes durch dieAlamannen nach des Kaisers Probus Tod 282. An ihren Bund hatten sichschon zuvor die Juthungi angeschlossen. Dieselben nahmen etwa um dieMitte des 3. Jahrhunderts, wie es scheint von östlicher gelegenen Sitzenkommend, an der Donau gegenüber Rhätien und Norikum Platz und gingeneine dauernde Verbindung mit den Alamannen ein.
Während nun die römischen Länder am Rhein und an der oberen Donaudas stete Ziel germanischer Angriffe bleiben, war an der unteren Donau durchdie Ankunft der Goten eine nicht geringere Gefahr erwachsen. Die Be-wegung, welche die gotischen Stämme ergriffen hatte, führte eine Ausbreitungderselben auch nach Südosten herbei. Anfangs kleinere Scharen, danngröfsere Massen verschoben sich immer weiter nach dieser Richtung, bis siedie Küste des schwarzen Meeres erreichten. Um 214 werden liier ihrerersten Kämpfe mit den Römern gedacht. Seitdem überschwemmen sie dieProvinz Dacien, welche Kaiser Trajan 107 n. Chr. im Norden des unterenDonaulaufes bis zum Dniestr hin errichtet hatte. Die Goten sind um dieMitte des 3. Jahrhunderts Herren dieses Landes mit Ausnahme der festen
Städte, und auch diese werden ihnen unter Kaiser Aurelian (270—275)überliefert. Gotische Scharen dringen über die Donau; zugleich rüsten siezahlreiche und starke Raubschiffe; ihre kühnen Züge zu Wasser und zu Landeerleiden nur selten eine Unterbrechung.
So bestürmen die nordischen Völker von der Rhein- bis zur Donau-mündung erfolgreich die römischen Grenzen. Bis zu den Küsten des Mittel-meeres gelangen sie raubend und plündernd. Wichtige Teile, wie das Deku-matenland und Dacien, gehen dem Imperium gänzlich verloren, und schonbehaupten innerhalb desselben germanische Ansiedler weite Striche, wennauch unter der Hoheit des Kaisers. Währenddem zerfleischten innere Kämpfedas Reich. Die Geschichte des dritten Jahrhunderts berichtet von unaufhör-lichen Versuchen, welche die von ihren Heeren erhobenen Prätendenten unter-nahmen, um den kaiserlichen Herrschern ihren Thron zu rauben, bis sie selbstdurch Glücklichere wieder verdrängt wurden. In der allgemeinen Verwirrungvermochte die gespaltene Reichsregierung den anbrandenden Völkerwellenkeinen Widerstand entgegenzusetzen. Schon drohte durch die steigende Un-ordnung aller Verhältnisse und unter der Wucht des germanischen Ansturmsdie römische Herrschaft zusammenzustürzen. Da richtete sie seit dem Endedes dritten Jahrhunderts eine Reihe kräftiger Kaiser mächtig wieder auf. Essei davon nur genannt Aurelian, Diocletian, Constantin und Julian (f 363).Ihnen gelang es, Ruhe und Sicherheit den römischen Grenzen wieder zurück-zugeben, die Rhein- und Donaulinie neu zu festigen.
Es waren die Zustände zu einer gewissen Stabilität gelangt, als gegendas Ende des 4. Jahrhunderts ganz plötzlich aus einer neuen Richtung einfürchterlicher Stofs erfolgte, welcher germanische wie römische Verhältnissein gleicher Weise erschütterte. Dies war der Ansturm der Hunnen, und mitihm beginnt eine neue Periode der Wanderungen. Sie nehmen einen andern,umfassenden Charakter an und geben Anlafs zu viel bedeutenderen Ver-änderungen als bisher, so dafs häufig auf diese Zeit spezifisch der Name„Völkerwanderung“ angewendet wird. Doch ist zu merken, dafs auch jetztweder von den germanischen Stämmen alle wandern, noch gemeinsame undgleichzeitige Unternehmungen stattfinden, noch die vorwärts Getriebenen ab-sichtlich sich ruhelos hin und her werfen lassen. Das Ziel bleibt die Gewinnungvon passenden Wohnsitzen, die einmal okkupiert nur aus besonderen Gründenwieder aufgegeben werden. Ferner bedeuten die Züge immer noch das Schwei-fen nur eines Teiles der betreffenden Völkerschaft, während der Rest sich indem alten Gebiet erhält. Je weitere Fernen öfters aufgesucht werden, um somehr zersplittern sich die Glieder desselben Stammes. Der wichtigste Wechselaber, welchen die neue Periode der Völkerwanderung aufweist, beruht in derveränderten Richtung derselben. Während bisher die Verschiebung in derHauptsache von Norden nach Süden sich vollzog, wird durch den Anprall derHunnen eine westliche Bahn beschritten.
Die Hunnen.
Ihrer Herkunft nach sind sie wahrscheinlich den türkischen Stämmenzuzuzählen, welche ihre Heimat im östlichen Zentralasien (Schamobecken)besafsen. Dort führten lange die Hiungnu, welche die chinesischen Annalenals schlimme Nachbarn schildern, die Vorherrschaft. Im ersten Jahrhundertnach Christi Geburt werden sie aber vollständig niedergeworfen und zer-sprengt. Ein Teil wandte sich durch die Dsungarei nach Westen und nahmWohnsitze in den arolo-kaspischen Niederungen, wo sie sich mit andernStämmen vermischt haben mögen. Neue Völkerbewegungen in ihrem Rückenscheinen die Hiungnu oder Hunnen vorwärts getrieben zu haben. Um 372n. Chr. überschritten sie die Wolga, warfen die Alanen (siehe unten) nieder,stürzten sich auf die gotischen Völker und machten sich zu Herren alles Landeszwischen Wolga und der unteren Donau. In den Verhältnissen der unter-worfenen Stämme, welche Tribut und Heeresfolge leisten mufsten, wandeltesich dadurch wenig. Die Goten blieben unter der Oberhoheit der hunnischenHorden, welche sich in die Herrschaft über die weiten Gebiete geteilt hatten,im Besitze des von ihnen bewohnten Landes. Daran hat Attila nichts geän-dert, welcher seit c. 444 die gesamte Macht der Hunnen in seiner Hand ver-einigte und von seiner Residenz an der Theifs die Geschicke aller Völkerzwischen Rhein und Wolga bestimmte. Von diesem gewaltigen Kriegsfürsten,der für den Wert der römischen Zivilisation ein tiefes Verständnis besafs, gingder Plan aus, seinem Hunnenvolk das Römertum dienst- und nutzbar zu machen.Zuerst erschütterte er das oströmische Reich, verwüstete seit 440/441 die Bal-kanhalbinsel, drang bis vor Konstantinopel und zwang 447 den Kaiser Theodo-sius II zur Tributpflicht. Dann richtete Attila seinen Zug gegen Westen. 450brach er mit einem unermefsliclien Heere auf, in welchem allerlei Germanen-scharen folgten, setzte über den Rhein und lieferte 451 auf der katalaunischenEbene bei Charlons sur Marne, ohne den Sieg gewinnen zu können, die berühmteSchlacht gegen die unter Aetius geeinigten Römer, Westgoten, Burgunder,Franken u. s. w. Im folgenden Jahre unternahm Attila einen Rachezug nachItalien. 453 verschied er eines plötzlichen Todes, und alsbald erfolgte die Auf-lösung des Hunnenreiches. Am Flusse Netad in Pannonien erstritten sich 454die germanischen Stämme gegenEllak, Attilas ältestenundkräftigstenSohn, ihreSelbständigkeit. Die Reste der Hunnen zogen sich in die pontischen Steppenzurück, wo sie unter andern Nomadenhorden aufgegangen zu sein scheinen.
Die Alanen.
Die Alanen, deren Ursprung für nicht germanisch gilt, wurden in ihrenSitzen nördlich des Kaukasus bis zum Don zuerst von dem Hunnensturm ge-troffen. Derselbe rifs ihr Volk auseinander. Während ein Teil noch im8. Jahrhundert an den Nordhängen des Kaukasus genannt wird, folgten andreScharen den Hunnen nach dem Westen. Einer ihrer schweifenden Haufengründete in Untermösien eine Herrschaft, die sich bis Ende des 6. Jahrhun-derts erhielt. Ein weiterer Zweig machte sich in oder bei Pannonien sefs-liaft, schlofs sich 406 dem Zuge der Vandalen und Sueben nach Gallien an undhat an ihren Schicksalen in Spanien, wie in Afrika teilgenommen.
Die Westgoten.
Dem Stofse der Hunnen wich eine Abteilung der Westgoten aus. Die-selben begannen, indem sie 376 auf das römische Gebiet übertraten, vonneuem die Reihe der germanischen Völkerzüge. Zusammen mit den Ostgotenoder Greutungen hatten die Westgoten oder Thervingen, welche weiteStriche am Pruth und Dniestr bewohnten, lange Zeit einen Verband ge-bildet. Um 250 n. Chr. löste aber sich derselbe, und seitdem lebten dieWestgoten selbständig unter Gaufürsten. Einer derselben ist Fritiger, unterdessen Führung 376 die flüchtigen Westgoten (etwa 200000 Waffenfähige)die Donau überschritten und in Thrakien Wohnsitze vom Kaiser Valens er-langten. Infolge von Bedrückungen der römischen Beamten erhoben sie sichzum Aufstande, siegten in der Schlacht bei Adrianopel 378 und erzwangen
Text zum Historischen Handatlas,
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