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sich nach fürchterlichen Verwüstungen eine günstige Versorgung in Thrakien.Es dauerte die Ruhe, solange Kaiser Theodosius regierte. Nach seinem Tode395 begann die Abneigung gegen die Barbaren sich zu Verfolgungen der-selben zu steigern. Dies beantworteten die Westgoten damit, dafs der gröfsteTeil derselben sich zusammenscharte und Alarich zum König und Führerim Kampfe gegen Ostrom erhob. Die ganze Halbinsel wurde durchzogen undverheert. In Arkadien sah sich Alarich plötzlich von den Truppen des Stiliko,welcher die Verwaltung von Westrom führte, eingeschlossen, erhielt aberfreien Abzug und nahm Stellung in Illyrien; von hier aus richtete erseinen ersten Zug nach Italien 400 bis 403. Doch widerstand ihm Stilikoglücklich in der Schlacht bei Pollentia 402. Nachdem dieser 408 den Toderlitten, fand Alarich auf seinem zweiten Zuge nach Italien 408—410 keinHindernis mehr. Rom ward 410 geplündert, und darauf gedachte Alarichnach Afrika überzusetzen, um die Zufuhr aus dieser Kornkammer Italiensdem in Ravenna weilenden Kaiser Honorius abzuschneiden und ihn dadurchzur Abtretung italischer Ländereien zu zwingen. Mitten in den Vorbereitungenverschied Alarich 410beiCosentia; sein Schwager Ataulf führte 412 dieWest-goten nach Gallien. Es vermochten sich dieselben jedoch in dieser Provinznicht zu halten und wandten sich 414 nach Spanien, wo 415 Ataulf durchMeuchelmord fiel; sie drangen unter Wallia (415—419) bis nach Cadixvor, zogen aber 419 wieder nach Gallien ah; hier erhielten sie unter römi-scher Oberhoheit das Gebiet um Toulouse. Diese Stadt ward der Mittel-punkt eines mächtig aufblühenden Reiches. König Theoderich (419—451)erweiterte die Grenzen des westgotischen Reiches, und seine Nachfolger,besonders Eurich (466—484), setzten dies Bestreben mit solchem Erfolgefort, dafs nicht nur in Gallien alles Land bis nahe an die Loire samt derProvence (481), sondern auch der gröfste Teil der spanischen Halbinselgewonnen wurde. Die gallischen Besitzungen mit Ausnahme von Septimanien(d. i. der Küstenstriche von den Pyrenäen bis zur Rhonemündung) gingenden Westgoten verloren, als der Frankenkönig Chlodovecli ihrem KönigAlarich II 507 durch die Entscheidungsschlacht auf den vokladischen Gefil-den bei Poitiers Sieg und Leben raubte. Seitdem sind die Westgoten aufSpanien beschränkt. Innerer Zerrüttung und dem Ansturm der Araber erlagihr Reich 711 (Schlacht bei Xerez de la Frontera, König Rodericli und Tarik).Was vom westgotischen Stamme in der pontischen Heimat zurückgeblieben,war damals schon längst in den Völkerstürmen, welche unaufhörlich überjene Gegenden brausten, zu Grunde gegangen.
Die Ostgoten.
In ihren Sitzen am Dniepr, welche sich allmählich bis an den Don aus-gedehnt zu haben scheinen, nahmen die Ostgoten eine gebietende Stellungein. Die Glanzzeit fällt in die Regierung des Heldenkönigs Ermanrich (c. 350bis 376) aus dem Hause der Amaler, dessen Macht die Sage vom schwarzenMeer bis an die Ostsee sich erstrecken läfst. Der greise Herrscher erlebte nochden jähen Sturz seines Reiches. Die Hunnen warfen es über den Haufenund machten es unterthänig; nur eine kleine Zahl von Ostgoten verliefs diepontische Heimat, um teils wie der flüchtige Westgotenschwarm in Mösienund Thrakien Unterkunft zu finden, teils in pannonischen Gegenden vorüber-gehend sich aufzuhalten. Mit vielen andern Germanenhaufen, welche sichdort angesammelt hatten, brach eine Ostgotenschar unter der Anführungdes Radagais oder Ratiger gegen Italien auf; es wurde hier durch Stilikoder ganze Schwarm 405 aufgerieben. Die bedeutendere Masse der Ostgotenaber behauptete die alten Gaue am schwarzen Meer unter der Hunnenherr-schaft, bis deren Zerfall eine grofse Zahl Ostgoten westwärts führte. Sie er-hielten in Pannonien vom römischen Kaiser Land und Bündnis; auf die Dauergenügten ihnen diese Verhältnisse nicht. Man spaltete sich wieder. An die-jenigen Stämme, welche 474 gewaltsam Teile der Provinz Mösien an sichrissen, knüpft sich seitdem das Schicksal des ostgotischen Namens. Es er-wuchs aus königlichem Stamme der gewaltige Held Theoderich, welcher dasLos seines Volkes seit 475 bestimmte. Derselbe schliefst nach vielen Kämpfengegen Ostrom einen Vergleich mit dem Kaiser von Byzanz, um in dessenNamen der Söldnerherrschaft des Odovakar in Italien ein Ende zu machen.Mit seinen Ostgoten, deren Kopfzahl auf etwa eine viertel Million veran-schlagt werden kann, zieht Theoderich im Jahre 488 aus den mösischenSitzen die Donau und Save aufwärts, schlägt 489 an dem Isonzo, der GrenzeItaliens, das Heer des Odovakar und zwingt denselben, sich in dem festenRavenna einzuschliefsen. Zur Ergebung genötigt fand Odovakar durchTheoderich selbst seinen Tod 493. Darnach ist das letzte Hindernis für dieOstgotenherrschaft in Italien beseitigt. Aber dieselbe dauerte nur bis zumJahre 554. Es erlagen nach heldenmütigem Widerstande, bei dem sich dieletzten Könige Totila und Teja hervorthaten, die Ostgoten dem oströmischenFeldherrn Narses. Der ostgotische Name verklingt aus der Geschichte.
Die Vandalen.
Die Bewegung, welche die gotischen Stämme südwärts führte, ver-schaffte den Vandalen Sitze im Gebiet der oberen Tlieifs. Als Dacien denRömern während des 3. Jahrhunderts verloren ging, bemächtigten die Van-dalen sich des Westens von dieser Provinz, wurden aber durch die benach-barten und verwandten Goten c. 335 angegriffen und nach schweren Ver-lusten verdrängt. Im Theifsgebiet scheinen darauf die Taifalen und Vikto-falen (um 200 n. Chr. hier schon erwähnt), deren gotische Herkunft wohlnicht zu bezweifeln ist, bis zur Ankunft der Hunnen den meisten Raum ge-füllt zu haben. Der Rest der Vandalen ward durch Konstantin auf demrechten Ufer der Donau in Pannonien angesiedelt. Sie lieferten dafür demKaiser Hilfstruppen, und nicht wenige Vandalen (besonders Stiliko) habenin römischen Diensten ihr Glück gemacht. Die Sitze an der Donau ver-mochten jedoch mit der Zeit das wieder erstarkende Volk nicht zu ernähren.Daher brach der gröfste Teil desselben auf und zog in Verbindung mit benach-barten Alanen und Sueben die Donau aufwärts nach Gallien. Ende des Jahres406 überschritten sie den Rhein, verwüsteten drei Jahre die schutzlose Provinz,gingen 409 über die Pyrenäen und verteilten unter sich Spanien. Die Suebenund die asdingischen Vandalen erlösten Galläcien im Nordwesten, die AlanenLusitanien (Südwesten) und die Südostecke, die silingischen Vandalen dasdazwischen liegende Land, während der Nordosten im Besitze der Römer ver-blieb. Geschwächt durch den Kampf mit diesen, wie mit den Westgoten,welche 414—419 in Spanien auftraten, verschmolzen silingische und as-dingische Vandalen, darauf mit ihnen die Alanen. Dies ermöglichte ihnen,nach dem Abzug der Westgoten sich wieder zur herrschenden Macht inSpanien aufzuschwingen. Hispalis (Sevilla) und Carthagena, die bis dahinin den Händen der Römer geblieben, gingen 425 an die Vandalen verloren,und es begannen nun ihre Raubzüge zur See, woran sich 429 die Über-
siedelung der gesamten Vandalen und Alanen nach Afrika schlofs. KönigGenserich eroberte langsam die Nordküste bis Tripolis, nahm 439 Karthago,rifs 440 Lilybaeum auf Sicilien an sich, plünderte 455 Rom, gewann dieBalearen, Sardinien, Korsika, erweiterte seine Eroberungen auf Sicilien,schlug 460 bei Carthagena eine römische Flotte und bedrohte fast alljährlichItalien, sowie seit 465 auch die Küsten des oströmischen Reiches. Nachdem Tode Genserichs (477) zeigt sich aber alsbald ein Sinken der vanda-lischen Volkskraft. Des oströmischen Kaisers Justinian Feldherr Beiisarkam 533 nach Afrika und vollendete die Eroberung des Vandalenreiches 534durch die Gefangennahme des letzten Königs Gelimer. Spurlos sind dieVandalen in Afrika, ebenso wie ihre Reste in Pannonien, vertilgt worden.
Die Sueben schalteten nach dem Abzug der Vandalen aus Spanien alleinin dem ihnen überlassenen Lande und breiteten sich vom Nordwesten derHalbinsel aus; aber sie vermochten wegen der numerischen Schwäche ihresStammes die ferneren Gebiete mehr zu plündern, als zu erobern und zu be-haupten. Als sie nun auch gegen den Nordosten Angriffe machten, welchensich die Römer bisher gesichert hatten, so verbanden sich dieselben mit denWestgoten, und seit 456 greifen in die spanischen Angelegenheiten die west-gotischen Waffen ein. Indessen kam es bald dazu, dafs diese gegen Suebenund Römer zugleich sich richteten. König Eurich (466—484) begründetedie Herrschaft der Westgoten in Spanien und eroberte fast das ganze Land..Doch behaupteten die galläcische Nordwestecke die Sueben, sowie den west-lichen Zug der Pyrenäen (Cantabrien undVasconien) die autochthonen Basken.Diese räuberischen Berghirten, welche sich sehr lästig erwiesen, züchtigte 582der Westgotenkönig Leo vigil mit solcher Strenge, dafs ein grofser Teil nordwärtsauswanderte. Die Gebiete bis zur Garonne erhalten seitdem baskische Be-völkerung und den Namen Vasconia (Gascogne). Der Selbständigkeit desSuebenreiches wurde durch die Westgoten 584/585 ein Ende gemacht.
Die Gepiden.
Der gotische Stamm der Gepiden safs östlich der Karpathen im Rückender West- und Ostgoten. Er geriet mit denselben unter die hunnische Ober-hoheit. Gegen diese erhoben sich die Gepiden unter ihrem König Ardarich,welcher am Hofe Attilas zu den angesehensten Fürsten gehört hatte, sobaldder grofse Hunnenherrscher 453 verschieden, und leisteten das Beste in derSchlacht am Netad 454. Sie erhielten daher auch den kostbarsten Sieges-preis, die fruchtbaren Gebiete der Theifs. In dieser wichtigen Stellunghaben die Gepiden eine mächtige Herrschaft behauptet, bis ihr König Kuni-mund 567 dem Bunde der ihnen benachbarten Langobarden und der Avarenerlag, die letzteren das Land in Besitz nahmen.
Die Heruler und Rugier.
Die Heruler, von denen einzelne Gaue auf den Inseln der Ostsee viel-leicht gewohnt haben mögen, der Hauptstamm aber an der baltischen Süd-küste seine Heimat hatte, wurden im Verlaufe der Völkerwanderung in eineMenge verschiedener Gruppen zersprengt. Zum Teil fanden sie Wohnsitzein der Nähe der Mäotis, und von diesen pontischen Herulern scheint eineAnzahl mit den Hunnen westwärts in die Gegenden der mittleren Donaufortgerissen worden zu sein. Unter hunnischer Oberhoheit besteht ein lieru-lisches Reich an der March bis zur oberen Theifs. Nach dem Sturz derHunnenmacht gewinnt es seine Selbständigkeit und nimmt die Mitte zwischenGepiden und Langobarden ein; letztere, ihre nördlichen und abhängigenNachbarn, tragen um 494 oder zwischen 506 und 512 von ihren übermütigenOberherren zu einem Verzweiflungskampfe gedrängt einen vollständigenSieg davon. Die Heruler mufsten ihre Gebiete räumen. Ein Teil rettetesich auf römischen Boden, und noch unter Kaiser Justinian (527—565)werden Heruler in Illyrien erwähnt. Ein andrer Teil soll in die alte Heimat,an die Ostsee, zurückgewandert sein.
Die Rugier hatten ihre ursprünglichen Wohnsitze in den Gegenden derOdermündung, sind aber im fünften Jahrhundert auf dem linken Ufer derDonau gegenüber von Norikum und Pannonien ansässig und gehören zumReiche Attilas. Nach dessen Tod selbständig, haben sie unaufhörlich aufdas rechte Donauufer hinübergedrängt, bis Odovakar c. 487 ihr Reich zer-störte. Die Rugier zogen aus ihrem Lande, schlossen sich den Ostgoten an,als diese nach Italien aufbrachen, und wohnten hier neben diesen als ab-gesondertes Volk. Mit dem Untergang derselben verschwinden auch sie.
Dies sind die Schicksale der wichtigeren Gotenvölker, welche aufrömischem Boden eine neue Heimat zu finden versucht haben, aber ohneAusnahme ihrer Kraft und des Bestandes verlustig gingen. Im Gegensatz zuden Goten oderOstgermanen sind die Westgermanen, d. h. die Stämme west-lich der Oder, von den Bewegungen der Völkerwanderung weniger ergriffenworden. Weit vorwärts liefsen sich unter ihnen nur die suebischen Völkeran der Oder und Elbe reifsen. Ihnen gehören die Alamannen, Markomannen,Quaden u. s. w. an, welche im südlichen Deutschland auftreten. Auch ge-langten versprengte Reste bis nach Spanien (siehe unter „Vandalen“). Diewenigen selbständigen Unternehmungen der Westgermanen, welche in gröfserenFernen zu einem Erfolge führten, knüpfen sich an die Namen der Burgunder,Langobarden und Angelsachsen.
Die Burgunder.
Ihre früheste Geschichte ist vielfach dunkel und bestritten. Eine ge-nauere Kenntnis besitzen wir von denjenigen Burgundern, welche etwa seitder Mitte des dritten Jahrhunderts am oberen Main im Rücken der Ala-mannen erscheinen und auf diese einen starken Druck ausüben. Als dieVandalen mit Sueben und Alanen Ende 406 ihren Zug nach Gallien unter-nahmen, berührte er das Gebiet der Burgunder und verursachte unter ihneneine heftige Bewegung. Die Folge war, dafs der Stamm oder ein Teil desselbensich nach dem Westen fortreifsen liefs und auf gallischem Boden unter derrömischen Oberhoheit neue Sitze gewann. Das ist das sagenberühmte Bur-gunderreich von Worms, welches von c. 413—437 bestanden hat. Als dieseBurgunder mit den Römern zerfielen, bekriegte sie Aetius mit Hilfe vonhunnischen Söldnern und liefs 437 König Gundilcar (Günther) mit seinemganzen Geschlechte und der Mehrzahl seines Volkes vernichten. Der Restward sechs Jahre später 443 nacli Sabaudia (d. i. Savoyen) am Genfer Seeverpflanzt. Von hier aus gelang ihnen die Ausbreitung nach Südwesten dieRhone entlang etwa seit 455. Im Kampfe mit den Römern und den Westgotenwuchs das burgundische Gebiet dergestalt, dafs es beim Sturze des west-römischen Reiches (476) den ganzen Südosten Galliens mit Ausnahme derProvence umfafste. Seine Selbständigkeit behauptete das Burgunderreich,bis es 532 dem fränkischen Staatenverband einverleiht wurde.