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Mit Mecklenburg belehnte Heinrich der Löwe 1170 den ObotritenfürstenPrzibislaw, der auf seine Veranlassung Christ geworden war. Przibislaw ist derStammvater der noch jetzt regierenden Fürsten. 1237 erfolgte eine Landes-teilung in die vier Linien: Mecklenburg, Werle, Rostock und Parchim. DiesenHerrschaften benachbart war die Grafschaft Schwerin, als deren erster Graf unsGünzel von Hagen (1161—1185) genannt wird. Das Bistum Schwerin, eineGründung Heinrichs des Löwen (um 1170) war, ebenso wie das Bistum Ratze-burg, auch von ihm gegründet (1164), Bremen untergeordnet.
Als erster Fürst in Pommern ist Swantibor I um 1100 überliefert, nachdessen Tode (1107) eine Teilung erfolgte, indem seine beiden älteren Söhne das jLand zwischen Peene und Persante = Herzogtum Slavien (Hauptstadt Stettin),die beiden jüngeren das Herzogtum Pommern oder Pomereilen zwischen Per-sante und Weichsel (Hauptstadt Danzig) empfingen. Die pommerschen Fürstenunterwarfen sich, um gegen die Dänen (diese zeitweise im Besitze von Rügenund Stralsund) und die Polen eine feste Stütze zu haben, gröfstenteils Heinrichsdes Löwen Schutze. Nach seinem Sturze vergab 1181 Kaiser Friedrich I Pom-mern als deutsches Reichslehen (Herzogtum) angeblich dem Markgrafen Otto Ivon Brandenburg (+ 1184). Kämpfe mit benachbarten Fürsten, besonders auchmit Brandenburg wegen der von diesem beanspruchten Lehnshoheit, füllten fastdie ganze mittelalterliche Geschichte des Landes aus.
Über das Ordensgebiet cf. p. 35 und p. 75.
Böhmen wurde wiederholt unter den Staufern als Königreich anerkannt (so1158; 1198; 1212). Der König war Vasall des deutschen Kaisers, im Innernaber selbständig. Zu Böhmen gehörte (seit 1029) Mähren, das 1182 als Mark-grafschaft eingerichtet wurde.
Schlesien wurde 1163 in Ober-, Mittel- und Niederschlesien (1179 bereitswieder mit Mittelschlesien verbunden) eingeteilt. Später zerfiel es infolge erneuterTeilungen in eine Anzahl von Fürstentümern, deren Beherrscher sich meist anDeutschland und Böhmen anschlossen.
Die Königreiche Polen und Ungarn standen zur staufischen Zeit in keinemabhängigen Verhältnisse zu Deutschland. Arras.
Zu Seite 28:
AUSBREITUNG DER HANSA UM DAS JAHR 1400.
Die Entstehung der Hansa (d. i. Bund, Gesellschaft, Gilde) läfst sichnicht auf ein bestimmtes Jahr zuriickfiihren. Lange Zeit ist der Vertrag,welchen Lübeck und Hamburg i. J. 1241 zum Schutze der Strafsen vonder Elbe bis zur Travemündung abschlossen, als Gründungsakt betrachtetworden; mit Unrecht. Denn er war von durchaus lokaler und temporärerBedeutung. Kurz nach der Mitte des XII. Jahrhunderts wird in England zumerstenmale mit dem Ausdruck Hanse die Genossenschaft von Kölnischen Kauf-leuten, welche in London ein eignes Haus, die Gildhalle, besafsen, bezeichnet,und wenig später werden auch andere Vereinigungen deutscher Kaufleutein englischen Städten Hansen genannt; aber erst um die Mitte des XIV. Jahr-hunderts wird das Wort auch auf andere auswärtige Niederlassungen undauf den Bund der Städte in der Heimat selbst angewandt, Innerhalb derHansa bildeten sich drei Sondergruppen, die sich um die Vororte Köln,Lübeck und Wisby zusammenthaten; schon bei dem ersten Auftreten der ;Städte in Flandern 1252 wird diese Dreiteilung erwähnt. Dem VororteKöln entsprach das westfälisch-preufsische, Lübeck das lübische Drittel. Zuletzterem gehörten aufser den wendischen und pommerschen auch vielesächsische und märkische Orte. Wisby war das Haupt des gotländisch-(schwedisch-)livländischen Drittels. Später (seit dem XVI. Jahrhunderte)teilte sich die Hansa in vier Viertel oder Quartiere, mit je einem Hauptorte:Köln mit dem westfälischen, Braunschweig mit dem sächsischen, Lübeckund Hamburg mit dem wendischen (Mecklenburg, Pommern und die Markumfassend), und Danzig mit dem preufsisclien, auch Livland einschliefsen-den, Viertel. Unter den Vororten nahm allen anderen voran Lübeck eineleitende Stellung ein.
Lübeck verdankt seine Bedeutung nicht znm wenigsten den grofsartigenPrivilegien, die ihm Heinrich der Löwe gegeben hatte. Er erliefs denliibischen Kaufleuten im ganzen Herzogtume Sachsen, ausgenommen inArtlenburg, die Zölle und Abgaben, gestattete ihnen die gerichtlichenVerteidigungen nach lübiscliem Hechte, lud zum Zwecke eines regen Be-suches der Stadt die Umwohnenden ein und gewährte deshalb „Russen,Gothen, Normannen und den anderen Völkern des Ostens“ Freiheit vonZöllen und Abgaben. So blühte Lübeck rasch empor und war bereits umdie Mitte des XIII. Jahrhunderts (1226 Reichsstadt geworden) einer derersten Handelsplätze an der Ostsee. Die Westfalen und die Deutschen aufGothland, die bisher hier den Handel in ihren Händen gehabt hatten, tratenseitdem immer mehr zurück; im XIV. und XV. Jahrhundert war Lübeckan ihre Stelle getreten. Ihm schlossen sich, wie einem natürlichen Mittel-punkte, eine Reihe von Städten, durch Lage, Ursprung und Handelsgebietaufserordentlich verwandt, an, nämlich: Rostock, Wismar, Stralsund, Greifs-wald ; dann Stettin, Anklam, Stargard, Demmin und Colberg. In den meistenOstseestädten fand das lübische Recht Eingang, wie in Mecklenburg undPommern, so auch im preufsischen Ordenslande, in Danzig, Dirschan, Elbing,Braunsberg, Memel etc. Sämtlich auf den Ostseehandel angewiesen, findenwir diese Städte überall da, wo die Lübecker sind, auf Gothland und Schonen,in Schweden und Nowgorod, an der Düna und in Preufsen; im Samlandeerhob sich Königsberg, wichtig als Stadt und Hafen.
Sehr früh schon hat die Insel Gothland eine grofse Rolle im Ostsee-handel gespielt. Nirgends im baltischen Meere wird uns eher, wie hierurkundlich beglaubigt, das Auftreten der Deutschen gemeldet; in derHauptstadt der Insel, zu Wisby, wird bereits i. J. 1225 in der von Deutschenerbauten Mariakirche ein Unterschied gemacht zwischen deutschen BürgernWisbys und den kommenden und gehenden deutschen Gästen. Aus letzterenentstand die gotliländische Genossenschaft, welche, als die älteste Vereinigungdeutscher Kaufleute im Auslande, die Bürger zahlreicher Städte umfasste;sie war von allen derartigen Verbindungen eine der mächtigsten und wirkteeinigend auf die Städte daheim zurück. Wisby im Range zunächst standlange Riga, das Haupt der livländisclien Städte an der Düna, wo die Kauf-leute am gothischen Ufer eine Faktorei hatten. Von hier zogen sie weiterin das Innere von Rufsland. In Nowgorod sind die Deutschen in der zweitenHälfte des XII. Jahrhunderts sicher nachweisbar im Besitze einer eigenen,dem Apostelfürsten geweihten, Kirche und des damit verbundenen Peterhofes. .Diese Gründung stand in voller Abhängigkeit von der deutschen Genossen-schaft auf Gothland. Auf dem ummauerten Hofe St. Peter wohnte der Kauf-mann in klösterlicher Abgeschlossenheit; die Art des Verkehrs mit den Russenwar aufs strengste geregelt; um Streitigkeiten mit jenen, die leicht ver-hängnisvoll werden konnten, möglichst zu verhindern, war die Aufsicht überdie Mitglieder des Hofes eine äufserst scharfe. Aber auch die gotliländischeVereinigung, sowie Wisby, das neben Lübeck die Leiterin des Hofes vonNowgorod war, konnten sich gegen die Travestadt auf die Länge nicht j
behaupten; einmal in ihrem Einflüsse gemindert, sanken sie rasch, so dafsWisbys Bedeutung seit dem XVI. Jahrhundert nicht über die heimischenKüsten hinausreichte.
An der Grenze des XIII. und XIV. Jahrhunderts befanden sich Lübeckund die wendischen Städte offenbar an der Spitze aller zur Hanse derDeutschen gehörigen Städte, verhandelten im Namen aller und fordertenzum Besuche der Bundesversammlungen auf.
Die Russen, welche früher oft die Häfen Schleswigs besucht hatten,verschwanden noch im XIII. Jahrhundert aus der Ostsee. In ihrem Landehatten die Hanseaten aufser dem Kontore in Nowgorod u. a. noch inPskow (Pleskow) und Kowno Faktoreien. Nach dem Ende des XIV. Jahr-hunderts gehörte auch Krakow der Hanse an; es läfst dies auf eine Ver-bindung mancher polnischen Plätze mit den Ostseestädten scliliefsen.
Mit Schweden entwickelte sich seit der Mitte des XIII. Jahrhundertsein lebhafterer Verkehr; bald wurde Stockholm als Hansestadt betrachtet.In Schonen lagen Dänen und Deutsche dem Fischfänge ob. In den jetztüberaus armen Städten Skanör und Falsterbo entfaltete sich in jedem Jahreungefähr von Jakobi bis Michaelis (25. Juli bis 29. Sept.) ein überausreiches und buntes Leben, wenn sie die gefangenen Heringe trocknetenoder einsalzten. Des Heringsfanges wegen wurden noch aufgesucht dieInseln Bornholm, Moen, die Städte Malmö, Helsingborg und Warberg. InKopenhagen, wo vor dem XV. Jahrhundert kein einheimischer Kaufmannerwähnt wird, wohnten die Hanseaten zusammen in der Deutschenstrafse;sie hatten noch Faktoreien in Helsingör und Roeskilde auf Seeland, inSvendborg auf Fünen und in Flensburg in Schleswig.
In Norwegen war Bergen der Hauptstapelplatz der Hanseaten; aberihr dortiges Kontor gehört einer späteren Zeit an, als das zu Nowgorododer London.
Mit England vermittelten bis ins XIII. Jahrhundert hinein fast nurAngehörige der in der Nähe der Nordsee gelegenen deutschen Städte denVerkehr, so Tiel an der Waal, Lüttich, Bremen, Köln, Utrecht, Staveren,Groningen, Braunschweig nnd Hamburg; letzteres verdankte den Auf-schwung, den es im XIV. Jahrhundert nahm, wesentlich seinem Biere; eswar durch mehrere Jahrhunderte die gröfste Brauerstadt des Nordens. Ammeisten ragte jedoch Köln hervor, dessen Kaufleute in London jene obenerwähnte Hanse bildeten, in die jeder Bürger einer anderen Stadt gegenein Eintrittsgeld aufgenommen werden konnte. Ihre Gildhalle, durch denAnkauf verschiedener Häuser und Grundstücke im Laufe der Zeit beträcht-lich erweitert, wurde später durch den neu erworbenen Stahlhof verdrängtund mit letzterem der ganze Gebäudekomplex bezeichnet. Hier im Stahl-hofe (cf. den Plan des hanseatischen Stahlhofes zu London im Jahre 1667)fanden nur unverheiratete Meister und Gesellen Aufnahme, die unter klö-sterlicher Zucht und strenger Ordnung und unter Vorständen lebten. Letzterewurden von den stimmberechtigten Mitgliedern, d. s. die Meister, gewählt undwechselten jährlich. Die Geschäfte des kleinen Staates wurden gemeinsamauf den Morgensprachen beraten und verhandelt. Nach 9 Uhr abends wurdeniemand mehr in den Stahlhof eingelassen. Seine Bewohner waren für dieGastfreundschaft, die ihnen die englischen Könige gewährten, mit zur Ver-teidigung Londons verpflichtet. Gegen Ende des XIII. Jahrhunderts standauch in England der deutsche Kaufmann überall dem Eingebornen geeintgegenüber; er hatte aufser in London u. a. Faktoreien in Tork, Hüll, Boston,Lynn, Norwich, Yarmouth, Ipswich, und bald auch in Schottland und Irland.Wie wenig die Engländer damals es verstanden Handel zu treiben, erhelltam besten aus der Ansicht, welche über sie auf dem Festlande galt; es wurdevon ihnen gesagt: „Wir kaufen von dem Engländer den Fuchsbalg für einenGroschen und verkaufen ihm den Fuchsschwanz wieder für einen Gulden.“Der Einflufs der Kölner und ihrer rheinischen und westfälischen Genossenward durch Lübeck und Hamburg gebrochen. Im Nov. 1266 erlangten dieHamburger, zu Anfang 1267 die Lübecker das Recht, eine eigne Hansa inLondon zu gründen, zugleich ward ihnen beiden eingeräumt, auch andreStädte gegen ein Eintrittsgeld aufzunehmen. Die Vertretung der gesamtendeutschen Kaufleute kam jetzt an Lübeck, damit erhielten auch die Ost-seestädte England eröffnet. Namentlich mit Preufsen fand bald ein leb-hafter Verkehr statt, den z. B. Danzig zum grofsen Teile seine glänzendeEntwickelung schuldete.
In Flandern spielte zunächst Köln die Hauptrolle; um 1249 verschafftensich die norddeutschen Seestädte unter dem Vorantritte von Hamburg undLübeck den Zugang zu den flandrischen Märkten. 1252 empfingen diedeutschen Kaufleute als „Kaufleute des römischen Reiches“ die ersten ge-meinschaftlichen Privilegien. Daneben bestanden auch die drei besonderenGruppen, welche sich um die drei Vororte Köln, Lübeck und Wisby zu-sammenthaten (cf. oben). Die flandrische Hauptniederlassung des deutschenKaufmanns war Brügge, das drei Jahrhunderte lang seinen Platz als Zentral-markt des ganzen Europa diesseits der Alpen behauptete. Die Hanseatenvertraten hier den ganzen Nordosten Europas. Von Brügge wurde aufkurze Zeit 1280 und 1307 ihr Kontor, die „nederlaghe“, nach Ardenburgverlegt. Hanseatische Faktoreien treffen wir in Gent, Antwerpen, Dinant,Ypern, Damme.
Unter den niederländischen Städten hatte Kämpen eine hervorragendeStellung; die meisten niederländischen Angelegenheiten wuiden duich das-selbe erledigt.
Der Vorort der Hansa war Lübeck. Es führte den grössten Teil derKorrespondenz, bewahrte das Archiv und berief die Hausetage in seineMauern. Auf diesen wurden die Bundeskontingente und Geldbeiträge fest-gesetzt, Streitigkeiten geschlichtet, Verträge und Bündnisse mit fremdenMächten abgeschlossen und der Ausschluss aus der Hansa, die „Verhansung“,ausgesprochen. Die auf den Tagfahrten gefafsten Beschlüsse wurden iiieder-geschrieben; anfangs nur in knapper, bald in ausführlicherer Form abgefasst,Messen diese Aufzeichnungen seit den 60 er Jahren des XIV. Jahrhunderts„Recesse“. Der Gang der Ereignisse brachte es mit sich, dass die Binnen-städte immer mehr den Seeplätzen gegenüber an Einfluss verloren; in denJahren 1367—70 erschien keine der ersteren auf hansischen Tagfahrten.
Nur ungern haben die Hanseaten das Schwert gezogen, besondersLübeck suchte auf diplomatischem Wege die Interessen zu wahren; wennsie sich aber einmal zum Kriege entschlossen, dann kämpften sie auch tapferund ausdauernd. Die Blütezeit der Hansa fällt in das XIII. und XIV. Jahr-hundert; im XV. und XVI. verfiel sie allmählich und der 30 jährige Kriegwar auch ihr Grab. Nur einem günstigen Geschicke war es zuzuschreiben,dass wenigstens Lübeck, Bremen und Hamburg ihre Unabhängigkeit wahrten.
Arras.