Karte 
Professor G. Droysens allgemeiner historischer Handatlas : in sechsundneunzig Karten mit erläuterndem Text / ausgeführt von der Geographischen Anstalt von Velhagen & Klasing in Leipzig unter der Leitung von Dr. Richard Andree
Entstehung
Seite
40
JPEG-Download
 

40

Zu Seite 36:

TERRITORIALENTWICKELUNG DERÖSTERREICHISCH-UNGARISCHEN MONARCHIE.

Den Ursprung und Kern der österreichischen Monarchie bildet die vonKaiser Karl dem Grofsen nach den Kriegen gegen die Avaren 791803gegründete, zwischen Enns und Raab gelegene avarische Mark oder Ostmark.Kaiser Otto II. erhob im Jahre 976 den Grafen Leopold aus dem ostfrän-kischen Geschlechte der Babenberger zum Markgrafen dieser Ostmark, welcheurkundlich zuerst im Jahre 996 den NamenÖsterreich führt und als einYorland, eine Mark des Herzogtums Bayern galt. Die Grenzfesten und Re-sidenzen der Markgrafen waren Lorch, Pechlarn, Melk und seit dem Anfängedes zwölften Jahrhunderts Wien. Die Babenberger herrschten bis zum Jahre1246 in Österreich. Unter ihnen wurde Markgraf Leopold IV. von demstaufischen König Konrad III., seinemStiefbruder, 1139 mit dem HerzogtumBayern belehnt, welches Konrad dem geächteten Welfen, Herzog Heinrichdem Stolzen, entzogen hatte. Im heftigen und wechselvollen Kampfe gegendie starke und weitverzweigte W'elfenpartei konnten sich die Babenbergerjedoch nur bis zum Jahre 1156 in Bayern behaupten, in welchem KaiserFriedrich I. dem Sohne Heinrichs des Stolzen, Herzog Heinrich dem LöwenBayern wieder zurückgab, dafür aber Österreich zu einem, von dem bayrischenHerzogtume unabhängigen neuen Herzogtum erhob und den Bruder LeopoldsIV., Heinrich II. Jasomirgott, damit belehnte.

Infolge eines Erbvertrags vom Jahre 1186 gelangten hierauf die Baben-berger unter Herzog Leopold V. 1192 in Besitz der 1180 zu einem Her-zogtum erhobenen Steiermark. Herzog Leopold VI. (der Glorreiche) erwarbim Jahre 1229 Teile von Krain und legte damit den Grund zu der nach-maligen österreichischen Herrschaft daselbst.

Mit dem Tode Herzog Friedrichs des Streitbaren, der 1246 im Kampfegegen die Ungarn fiel und keine männlichen Erben hinterliefs, erlosch dasHerrschergeschlecht der Babenberger in Österreich und es trat ein Inter-regnum ein, während welchem die erledigten Länder Österreich und Steier-mark die Gegenstände eines Rechtsstreites zwischen dem Reichsoberhaupte(bis 1250 Kaiser Friedrich II.) und den weiblichen Seitenverwandten HerzogFriedrichs bildeten. Begünstigt durch den päpstlichen Stuhl ergriff PrämyslOttokar II., der Sohn König Wenzels I. von Böhmen, 1251 Besitz von Öster-reich und vermählte sich, um seine Besitzergreifung wirksamer zu machen,1252 mit Margarete, der Schwester Herzog Friedrichs des Streitbaren,Steiermark dagegen suchte König Bela IV. von Ungarn zu erwerben, was ihmauch im Jahre 1254 gelang. Jedoch nach einem unglücklichen Feldzugegegen Ottokar II. (seit 1253 König von Böhmen) verlor er es wieder, undOttokar behauptete sich allein im Besitze Österreichs und Steiermarks, zudenen er 1269 nach dem Tode des kinderlosen Herzogs Ulrich III. nochKärnten und Krain bis Friaul erwarb. Indes nicht lange sollte er sich desBesitzes dieser Länder erfreuen. In dem Grafen Rudolf von Ilabsburg, der1273 den deutschen Thron bestieg, erwuchs ihm ein gefährlicher Gegner.

Der Ursprung des habsburgischen Geschlechts läfst sich bis in daszehnte Jahrhundert verfolgen. Seine Wiege steht in der allemanischen Schweiz.1028 erbaute Graf Rapoto und dessen Schwager Bischof Werner von Strafs-burg die Habsburg (Habeclits-, Habichtsburg) im schweizerischen Aargau.Schon im dreizehnten Jahrhundert hatte das Geschlecht ansehnliche Be-sitzungen im Aar-, Thur- und Zürichgau, in dem schwäbischen Kletgau, Sund-gau, dem Schwarzwalde und im Elsafs.

Als Graf Rudolf zum deutschen König gewählt worden war, erachteteer es zunächst als seine wichtigste Aufgabe, Ottokar zur Rückgabe der vomdeutschen Reiche getrennten österreichischen Fürstentümer, die dieser ver-weigerte, zu zwingen. Seine Absicht ging dahin, in diesen Gebieten seineeigene Ilausmacht zu gründen. Da Ottokar auf dreimalige Vorladung hinnicht erschien, so wurde die Reichsacht gegen ihn erklärt und 1276 derReichskrieg eröffnet, der zu gunsten König Rudolfs ausfiel. Im WienerFrieden vom 21. November 1276 mufste Ottokar auf alle seit dem Jahre1251 gemachten Erwerbungen verzichten, das Königtum Rudolfs anerkennenund von diesem seine Erblande Böhmen und Mähren zu Lehen nehmen.Doch blieben trotz dieses Friedens die Mifslielligkeiten zwischen Rudolf undOttokar bestehen und bereits 1278 wurde ein zweiter Reichskrieg gegenletzteren eröffnet, der nun mit der vollständigen Niederlage und dem Todedes Böhmenkönigs endigte (26. August 1278). Die Herrschaft des HausesHabsburg in Österreich war hiermit begründet.

König Rudolf belehnte 1282 seine Söhne Albrecht und Rudolf mitÖsterreich und Steiermark, welcher Mafsregel jedoch schon 1283 die Allein-belehnung Albreclits I. folgt. Mit dem Herzogtum Kärnten belehnte Rudolf1286 den Grafen Meinhard II. von Görz-Tirol, auch erhielt dieser Krainals Unterpfand. In dauernden Besitze Kärntens und Ivrains gelangten dieHabsburger im Jahre 1335 nach dem Tode Herzog Heinrichs von Kärnten-Tirol.

Unter Herzog Rudolf IV. von Österreich (13581365), der sich zuerstden Erzherzogstitel beilegte, wurde nach dem Tode Herzog Meinhards III.von Tirol und nach der Verzichtleistung von dessen Mutter Margarete Maul-tasch 1363 Tirol erworben, womit 1364 die Habsburger von Kaiser KarlIV. belehnt wurden. An den Besitz Tirols knüpfte sich sodann der der Graf-schaftenvor dem Arlberg, und zwar wurden durch Kauf von den Grafenvon Montfort 1375 die Grafschaft Feldkirch, 1380 der Bregenzerwald, 1394Bludenz erworben. Der übrige Teil Vorarlbergs, ganz Bregenz und das Unter-land gelangte erst viel später, nämlich 1451,14531523 in IlabsburgischenBesitz. Die beiden Brüder Herzog Rudolfs IV., Albrecht III. und LeopoldIII. erwarben 1382 Triest, welches sich, von der venetianischen Herrschaftbefreit, ihnen freiwillig untenvarf. Ebenso hatte sich schon 1368 die Herr-schaft Freiburg im Breisgau unter Habsburgische Schutzhoheit gestellt, wo-durch gleichzeitig der Besitz des Breisgaus (Vorderösterreichs) angebahntwurde. Dagegen geriet infolge des unglücklichen Kampfes, den Herzog Leo-pold III. mit der Schweizer Eidgenossenschaft führte, in welchem jener 1386bei Sempach das Leben verlor, die Macht der Habsburger in der Schweiz inVerfall und ein grofser Teil ihrer Stammgüter im Aargau ging bereits Endedes 14. Jahrhunderts verloren.

Mit der Wahl Herzog Albrechts V. von Österreich zum deutschen Königim Jahre 1438 (als Albrecht II.), der gleichzeitig durch Personalunion Königvon Ungarn und Böhmen wurde, nahm die welthistorische Bedeutung desHauses Ilabsburg ihren Anfang. Vor allem verlieh die eheliche VerbindungMaximilians, des Sohnes Kaiser Friedrichs III., mit Maria der Tochter Her-zog Karls des Kühnen von Burgund 1477 dem Hause Glanz und Ansehen,

wenngleich auch durch den burgundischen Länderbesitz die Rivalität Frank-reichs gegen Habsburg entstand.

Unter Maximilians Regierung (14931519) fiel 1500 die GrafschaftGörz nach dem Tode des letzten Grafen Leonhard infolge Erbverträge von1361 und 1364 an Österreich, und wurde 1507 die Nordostgrenze Tirolsdurch den Rückfall der 1369 an Bayern überlassenen Herrschaftsgebiete vonKufstein, Kitzbühel, Rattenherg und Zillertlial, und 1518 die SüdgrenzeTirols durch die Abtretung von Roveredo, Ampezzo, Riva, Covolo und dervier Reichsvikariate Ala, Avio, Mori und Brentonico seitens der RepublikVenedig abgerundet.

Nach dem Tode Maximilians I. 1519 teilten dessen beide Enkel Karl I.(als Kaiser Karl V.) und Ferdinand I. 1521 die habsburgischen Besitzungen.Karl erhielt Spanien, welches durch die Heirat Philipps, des Sohnes Maxi-milians und Marias mit Johanna, der Tochter Ferdinands von Aragonien undIsabellas von Kastilien an das Haus Habsburg gekommen war und Burgund,Ferdinand sämtliche deutsch-habsburgische Länder, unter denen sich von1520 bis 1534 auch Württemberg befand, welches Kaiser Karl V. nach Ver-treibung Herzog Ulrichs von Württemberg 1520 vom schwäbischen Bundedurch Kauf an sich gebracht hatte. Dazu erwarb Ferdinand 1526 nach demTode seines Schwagers, des Königs Ludwigs II. von Böhmen und Ungarn, derin der Schlacht bei Mohäcs gegen die Türken fiel und keinen Sohn hinterliefs,Böhmen nebst Mähren, Schlesien mit Ausnahme der Herzogtümer Liegnitz,Brieg und Wohlau, welche erst 1675 nach dem Tode des letzten piastisclienHerzogs Wilhelm an Österreich fielen, der Ober- und Niederlausitz, 1635 anSachsen abgetreten, und den westlichen Teil Ungarns nebst Kroatien. InUngarn konnte sich Ferdinand jedoch erst nach heftigen Kämpfen mit demGegenkönige Johann Zapolya, dem Bundesgenossen der Türken behaupten,die in dem Frieden zu Grofswardein 1538 ihren Abschlufs fanden. Der Be-sitz Ungarns verwickelte Österreich in langwierige, immer von neuem aus-brecliende Kämpfe mit den Türken, welche am Ausgang des siebzehntenJahrhunderts ihren Höhepunkt erreichten. Durch den Frieden von Karlowitz1699 erlangte endlich Österreich ganz Ungarn (mit Ausnahme des Temes-varer Banats), Slavonien und Siebenbürgen.

Mit dem spanischen Erbfolgekriege 17011713 begannen die wechsel-vollen Territorialerwerbungen Österreichs in Italien. 1708 zog Kaiser JosefI. das Herzogtum Mantua, dessen Herzog Karl III. auf seiten Frankreichsstand, als verwirktes Reichslehen für Österreich ein und im Frieden zuRastatt zwischen Kaiser Karl VI. und König Ludwig XIV. von Frankreich1714 erhielt Österreich nächst den spanischen Niederlanden (Belgien) Neapel,die Insel Sardinien und das Herzogtum Mailand, von denen 1720 Sardinienan Savoyen abgetreten und dafür von diesem Sizilien erlangt wurde. Nachdem Kriege Österreichs gegen Spanien, Sardinien und Frankreich von 173035, der mit dem Wiener Frieden 1735 endigte, mufste Österreich Neapel undSizilien wieder an Spanien und die Gebiete von Novara und Tortona an Sar-dinien abtreten, erhielt dagegen die Lombardei, Mantua, Parma, Piacenza undGuastalla nebst der Anwartschaft auf Toskana, welches 1737 an den HerzogFranz Stephan von Lothringen, den Gemahl der Erzherzogin Maria Theresia fiel.

Im Osten errang Österreich nach dem Kriege gegen die Türken 17161718 im Passarowitzer Frieden 1718 das Temesvarer Banat, Serbien biszum Timok, Belgrad und die kleine Walachei, verlor jedoch diese Erwer-bungen mit Ausnahme des Banates nach dem unglücklichen Türkenkriegevon 173739 zufolge des Belgrader Friedens 1739 wieder.

Von den deutsch-österreichischen Besitzungen mufsten 1742 Ober- undNiederschlesien, mit Ausnahme von Troppau, Jägerndorf und des FürstentumsTesclien, und ferner die Grafschaft Glatz an Preufsen abgetreten werden.Ebenso gingen 1748 im Aachener Frieden, der den österreichischen Erb-folgekrieg beendigte, Parma, Piacenza und Guastalla an die spanischen Bour-bonen wieder verloren. Beträchtliche Erwerbungen machte dagegen Öster-reich in Polen, überhaupt an seinen östlichen Grenzen. Sie wurden in denJahren 1769 und 1770 eingeleitet durch die Einziehung der seit 1412 anPolen verpfändeten Zipser Gespanschaft in Oberungarn, der bald darauf1772 die erste Teilung Polens unter Rufsland, Österreich und Preufsenfolgte, bei welcher Österreich Ostgalizien, Lodomerien, Zator, Auschwitz unddas halbe Gebiet von Krakau zufiel. Behufs strategischer Abrundung undpolitischer Erweiterung der Staatsgrenze nach Osten hin okkupierte hierauf1775 Österreich mit nachträglicher Zustimmung der von Rufsland besiegtenTürkei die Bukowina. Infolge der dritten Teilung Polens 1795 erhielt endlichÖsterreich West- oder Neugalizien zwischen Pilica und Bug bis zur Nera-mündung und die andre Hälfte des Krakauer Gebietes mit Krakau selbst.Inzwischen hatte Österreich nach dem bayrischen Erbfolgekriege im Tesche-ner Frieden 1779 von Niederbayern den Teil zwischen Inn, Salzach undDonau oder das sogenannte Innviertel erworben.

Gewaltige Erschütterungen und Veränderungen erlitt der Territorial-bestand Österreichs in den französischen Kriegen von 1792 bis 1814 underst in den Jahren 1814 bis 1816 wurde derselbe wieder festgestellt. Ver-loren und während des zuletzt genannten Zeitraums auch nicht restituiertgingen im Frieden zu Campo Formio 1797 die österreichischen Niederlande(Belgien) und der Breisgau, im Frieden zu Prefsburg 1805 die ganzen vorder-oder schwäbisch-österreichischen Lande an Baden und Württemberg, imFrieden zu Wien oder Schönbrunn 1809 Westgalizien, der Zamosker Kreisund Krakau an das sächsische Herzogtum Warschau. Gewonnen wurden imFrieden zu Campo Formio Venedig, das venetianische Istrien und Dalmatien,im Reichsdeputationshauptschlufs vom Jahre 1803 die Bistümer Brixen undTrient, im Prefsburger Frieden Salzburg (seit 1802 weltliches Kurfürstentum)und Berchtesgaden (1809 an Bayern abgetreten). Stadt und Gebiet Krakauwurden auf dem Wiener Kongress 1815 zu einem neutralen Freistaat unterden Schutz Preufsens, Österreichs und Rufslands erklärt, jedoch 1846 demösterreichischen Staate gemäfs Übereinkommens der genannten drei Mächtewieder einverleibt.

Aus den 1814 Österreich zugefallenen italienischen Provinzen wurdedas lombardiseh-vcnetianische Königreich gebildet und in Toskana eine öster-reichische Sekundo-, in Modena eine Tertiogenitur errichtet. Die Lombardeiging in dem Kriege, den Frankreich und Sardinien behufs der KonstituierungItaliens zu einem Einheitsstaate gegen Österreich führten, 1859 und Venedigin dem Kriege zwischen Österreich und Preufsen-Italienl866 verloren, Tos-kana und Modena wurden 1860 nach Vertreibung ihrer Fürsten Sardinieneinverleibt.

Nach Beendigung des russisch-türkischen Krieges von 1877 bis 1878okkupierte Österreich zufolge des Berliner Vertrags 1878 Bosnien und dieHerzegowina. Stübel.