44
ganza von Spanien los (Ceuta blieb spanisch) und ward selbständig, wennSpanien die Unabhängigkeit auch erst 1668 anerkannte. — In England hatte1603 Maria Stuarts Sohn, Jakob VI von Schottland, den Thron bestiegen; ervereinigte als Jakob I in Personalunion die drei Inselreiche und nannte sichKönig von Grofsbritannien. 1625 folgte ihm Karl I. Erfüllt von denabsolutistischen Tendenzen der Zeit und der Hoheit des Gottesgnadenkönigtumsverletzten die Stuarts die alten Rechte des Parlaments. Unter Heinrich VIIIund Elisabeth war das Parlament sehr gefügig gewesen, Elisabeths Politik be-gründete aber auch die Weltstellung Englands; die Stuarts gaben diesenationale Politik auf, sie neigten zum Katholizismus und zu Spanien. Sokam es zum Konflikt, die fanatischen kirchlichen und politischen Demokraten(Oliver Cromwell) gewannen darin die Führung: 1649 wird Karl 1 hingerichtetund die Republik (Gemeinwesen ohne König und Oberhaus) proklamiert.Das war zugleich ein Schlag gegen Spanien, denn damit kehrte England zurprotestantisch-antispanischen Politik seiner grofsen Königin zurück. Nach-dem die neue Verfassung gegen Karls II Schwiegersohn Wilhelm II vonOranien verteidigt und zugleich durch die Navigationsakte der Grund zurenglischen Seeherrschaft gelegt war, eröffnete Cromwell im Bunde mit Frank-reich den Krieg gegen Spanien und erwarb 1658 das spanische Dünkirchen.
Der Sturz des stolzen Baues habsburgisclier Weltherrschaft war unab-wendbar geworden. Dafs Frankreich an seine Stelle trat, verdankt esnicht so sehr militärischen Erfolgen, als der Aufrichtung des absolutenKönigtums und dem Geschick seiner Staatsmänner die europäische Gesamt-lage auszunutzen. Das Geheimnis aber, weshalb in Frankreich das König-tum triumphierte, während es in England gleichzeitig gestürzt wurde, lagwie unter Heinrich IV darin, dafs es den verschiedenen Sonderbestrebungengegenüber die nationalen Interessen der Gesamtheit vertrat. Bei der Thron-besteigung des unmündigen Ludwig XIII (1610—43) regten sich einerseitsdie Selbständigkeitsgelüste des hohen Adels, andererseits erstrebte die strengkatholisch gesinnte Regentin Maria Medici den Anschlufs an Spanien; da-neben bildeten die Hugenotten mit ihren Sicherheitsplätzen einen Staat imStaate und mufsten einer strengkatholischen Regierung feindlich werden.Schon manche Kämpfe waren zwischen diesen Parteien ausgefochten, alsRichelieu 1624 leitender Minister wurde und sich die scheinbar widerspruchs-volle Aufgabe stellte, einerseits das absolute Königtum durch Niederwerfungvon Adel und Hugenotten aufzurichten, andererseits Frankreich trotz derKönigin Mutter (also zunächst trotz des von ihm gehobenen Königtums) undder strengen Katholiken (in deren Sinn doch wieder der Kampf gegen dieHugenotten war) in antihabsburgisclie Bahnen zu lenken. Den hugenottischenStaat im Staate, den er im Interesse der staatlichen Einheit keinenfalls be-stehen lassen konnte, stürzte er durch Eroberung der hugenottischen Haupt-festung La Rochelle (1628); dann aber übernahm im Gnadenedikt von Nimes(1629) die französische Regierung zum Verdrufs der Katholiken selbst denSchutz der hugenottischen Glaubensfreiheit: nach dieser Seite hin war dieStaatseinheit hergestellt. Nun gelang es ihm auch, die Königin-Mutter vomHof zu entfernen und gegen Adel und königliche Prinzen das königliche An-sehen (und sich selbst) zu behaupten. Unter Ludwig XIV (1643 —1715)setzte Mazarin diese Politik fort. Das Königtum siegte bis 1653 über dieFronde (die Vereinigung des hohen Adels), weil diese nur selbstsüchtigeSonderinteressen vertrat und sich sogar im offenen Landesverrat mit Spanienverbündete. (In England war es gerade umgekehrt: hier vertrat das Par-lament dem König gegenüber das ganze Volk und die nationale Politik, des-halb auch der verschiedene Ausgang des Kampfes.) Um trotz dieser innerenParteiungen allmählich die erste Rolle in Europa spielen zu können, dazuunterstützten die Minister alle Feinde Habsburgs und hatten das Glück, dafsin Deutschland an Stelle der erschütterten kaiserlichen Macht keine anderetrat. Richelieu machte Gustav Adolf durch die polnische Friedensvermittlungzum Kampf gegen Österreich frei; als seine Siege ihn fast zum Herrn Deutsch-lands gemacht hatten, starb der König. Das war ein unerhörter Glücksfallfür Frankreich; denn, welches auch die schliefslichen Pläne Gustav Adolfssein mochten, gewifs bedeutete schon der König als Gegengewicht gegenFrankreich mehr als seine Minister. Rechtzeitig für Frankreich starb auchWallenstein, der wohl imstande gewesen wäre, Frankreich gegenüber sichselbständig zu behaupten; rechtzeitig auch Bernhard von Weimar, dessenHerzenswunsch es wenigstens war, die Franzosen nicht nach Deutschlandhineinzulassen. Das alles mit dem schon oben Erwähnten (England, Por-tugal) brachte trotz der inneren Kämpfe den Franzosen die Triumphe derFriedensschlüsse von 1648 uud 1659.
Als 1661 Ludwig XIV selbst die Regierung übernahm, konnte Frank-reich, dessen absoluter König über alle Kräfte des Landes verfügte, durchdie Kriege gegen das ohnmächtige Deutschland und das geschwächte Spanienbald eine erdrückende Übermacht gewinnen, darin sehr gefördert auchdurch die Wiederherstellung der Stuarts in England, durch das Bündnis mitSchweden und die Türkenkriege.
1660 kehrten die Stuarts mit Karl II auf den englischen Thron zurück,doch ohne in der Verbannung gelernt zu haben. Sie nahmen ihre absolutisti-schen und katholisierenden Tendenzen wieder auf und suchten dabei gegendas eigene Volk einen Rückhalt an Frankreich. M ährend England eigentlichin dem Kampf gegen Frankreichs, wie früher gegen Spaniens Übergewichtals führende Macht hätte eintreten müssen, verkaufte Karl II, um von denGeldbewilligungen des Parlaments unabhängiger zu werden, 1662 Dünkirchenan Frankreich, wofür das durch seine portugiesische Gemahlin als Mitgifterhaltene Tanger nicht als Ersatz gelten konnte. Nur ungern schlofs dannKarl II im ersten Raubkriege (1667—68) mit Holland und Schweden dieTripple-Alliance gegen Ludwig XIV. Dadurch zur Herabsetzung seiner An-sprüche genötigt, erwarb dieser im Frieden von Aachen (1668) doch nochzehn belgische Städte (darunter Lille) von Spanien. Indes bald gewannLudwig England durch das Versprechen der Hilfe in den bevorstehendeninneren Kämpfen, Schweden durch Subsidien und konnte 1672 den zweitenRaubkrieg gegen Holland eröffnen. In diesem Kriege, der sich zu einemeuropäischen erweiterte, wurde Ludwig unterstützt durch den schwedischenAngriff auf Brandenburg, die ungarische Erhebung gegen Österreich, einenAufstand in Messina gegen Spanien. Im Frieden von Nymwegen (1679)erhielt Frankreich die Franche Comte, eine Reihe belgischer Städte (Valen-ciennes etc.) und Freiburg im Breisgau, gab aber Philippsburg zurück; dazublieb Lothringen von den Franzosen besetzt. Im Gefühl seiner Übermachtio zog u wignun, während die Türken auf Wien marschierten, die Reunionen;vor allem ward 1681 Strafsburg, 1684 Luxemburg besetzt; der deutscheReichstag erkannte dies im Regensburger Waffenstillstand 1684 an. Gleich-zeitig wurde im Innern 1685 durch Aufhebung des Edikts von Nantes dem
Katholizismus die Alleinherrschaft zurückgegeben. Als Ludwig dann auchErhansprüche auf die Pfalz erhob, wurde 1686 gegen das französische Über-gewicht die Augsburger Liga (Brandenburg, Schweden, Wilhelm III vonÖranien, Österreich, Spanien, Bayern, Pfalz und kleinere Reichsfürsten)geschlossen. Im Jahre vorher hatte unter scharfer Gegnerschaft derWhigs der zum Katholizismus übergetretene Jakob II den englischenThron bestiegen. Er blieb dem französischen Bündnis treu und setztesich damit in Gegensatz zu den Interessen des Landes, welche den Kampfgegen Frankreich forderten. Als die Geburt eines Thronerben (1688)die katholische Regierung in England zu verlängern schien, gewannen,von England gerufen, Jakobs Tochter Maria und ihr Gemahl Wilhelm IIIvon Oranien, Generalstatthalter der Niederlande, in der „glorreichen Revo-lution“ den englischen Thron. Das war der erste Schlag gegen Frankreich;Wilhelm III wurde nun die Seele der antifranzösischen Koalition und übernahmFrankreich gegenüber die Aufgabe, die einst Elisabeth gegen Spanien mitGlück erfüllt hatte. Während des dritten Raubkriegs (1689—97) versuchteLudwig XIV den Stuart auf den englischen Thron zurückzuführen; Wil-helms III Sieg am Boynefluss (1690) und die Niederlage der französischenFlotte bei la Hogue (1692) vereitelte den Plan. Auf dem Festlande kämpftendie französischen Heere zwar nicht unglücklich, aber Ludwig mufste doch 1696Pinerolo an Savoyen überlassen und im Frieden von Ryswyk (1697), in demer die Franche Comtö, Strafsburg und die elsässischen Besitzungen behielt, dieübrigen Reunionen nebst Breisach und Freiburg herausgeben und die Wieder-einsetzung des Herzogs von Lothringen gestatten.
Im Nordosten Europas erlangte durch den dreifsigjährigen Krieg Schwe-den die erste Stelle. Karl IX hatte unter dem Banner des ProtestantismusSchweden von Polen getrennt; sein Sohn Gustav Adolf (1611—32) erhobSchweden zur protestantischen Schutzmacht und bereitete die schwedischeHerrschaft über die Ostsee vor. Er gewann von Rufsland im Frieden vonStolbowa 1617 Ingermannland und Karelien, von Polen 1629 vorläufig Liv-land, den gröfsten Teil des Danziger Werders, Elbing, Pillau, Memel undtrat dann in den dreifsigjährigen Krieg ein. Sein früher Tod schnitt dieweiteren Pläne ab, die Grofsmachtstellung aber blieb. 1635 wurden zwardie preufsischen Besitzungen zurückgegeben, im Frieden von Brömsebro (1645)aber bekam Schweden von Dänemark Jämland, Herjedalen im Innern und dieInseln Gotland und Ösel; im Westfälischen Frieden erhielt es als Reichslehnmit Sitz und Stimme auf den Reichstagen Vorpommern, einen Streifen vonHinterpommern, Wismar, Bremen, Verden (letztere als Herzogtum), also dieMündungen der Oder, Elbe, Weser und das Recht der Einmischung in Deutsch-land. Als 1654 Gustav Adolfs Tochter Christine die Krone niederlegte,folgte mit Karl X das Haus Pfalz-Zweibrücken. Sofort erhob der katholischeWasa, König Johann Kasimir von Polen, Erbansprüche. Den schwedisch-polnischen Erbfolgekrieg (1655—60) benutzte der grofse Kurfürst von Bran-denburg, sich durch wechselnde Parteinahme im Vertrag von Labiau (1656)durch Schweden, in dem von Wehlau (1657) durch Polen die Souveränitätin Preufsen zusichern zu lassen. Da Dänemark als Gegner Schwedens inden Krieg eintrat, unternahm Karl X seinen kühnen Zug über die gefrorenenBelte und erlangte im Frieden von Roeskilde (1658) die Abtretung von Bo-huslän, Ilalland, Schonen, Blekinge, Bornholm und des Gebietes vonTrondhjem.Beendigt indes ward der Krieg erst nach Karls Tode durch den Frieden vonOliva (1660), worin Polen auf den schwedischen Thron verzichtete und Liv-land endgültig abtrat, und den Frieden von Kopenhagen (1660), worinSchweden seine Küstenländer behielt, Bornholm und Trondhjem aber an Däne-mark zurückgab. Der Friede von Oliva erkannte auch die preufsische Sou-veränität an. Karl XI von Schweden (1660—97) begann 1674 als Verbün-deter Ludwigs XIV einen Krieg gegen Brandenburg; obgleich völlig besiegt(Fehrbellin 1675) behielt er doch durch Ludwigs Intervention im Frieden vonSt. Germain en Laye (1679) seine deutschen Besitzungen. Wie Frankreichsich im dritten Raubkrieg gegen die europäische Allianz hielt, so behauptetealso auch Schweden seine nordische Vorherrschaft gegen das aufstrebendeBrandenburg-Preufsen; beide freilich nur mit Anspannung aller Kräfte unddurch gegenseitige Unterstützung.
In Rufsland waren 1598 die Ruriks ausgestorben, nach manchenWirren folgte 1613 das Haus Romanow. Durch Schweden verlor das Reich1617 seine Ostseeländer, gewann aber im Frieden von Andrussow 1667 einenStreifen von Polen (siehe dies) und die Oberhoheit über die Donsclien Ko-saken, endlich auch durch Eroberung von Asow (1697) einen Hafen amSchwarzen Meer. In Polen war seit 1697 der sächsische Kurfürst FriedrichAugust der Starke König.
Die Spezialkarten machen ein Eingehen auf Deutschland und Italienüberflüssig, so bleibt nur noch die lürkei. Zwischen ihr und Österreichherrschte ein beharrlicher Kriegszustand, ohne dafs auf einer Seite gröfsereErfolge erzielt wären. Von den türkischen Vasallenstaaten hatte sich Sieben-bürgen trotz der vielen inneren Kämpfe ziemlich selbständig entwickelnkönnen, da es eben der Kampfpreis der beiden Nachbarn war, d. h. sich stetsauf den einen gegen den andern stützen konnte. Thronstreitigkeiten indiesem Lande wurden die Veranlassung zu dem ersten Türkenkriege Leopolds I(1660—64). Trotz des Sieges der Kaiserlichen bei St. Gotthard behauptetedie Türkei im Frieden von Vasvar (1664) das eroberte Neuliäusel undfür ihren Schützling Apafi Siebenbürgen. 1669 eroberten die Türken auchKandia und erlangten 1671 im Frieden die Abtretung dieser Insel von Venedig.Da erfolgte unter Emmerich Tököly im Einvernehmen mit Ludwig XIV eineErhebung der Ungarn gegen Österreich, das die Rechte der ungarischenStände und den Protestantismus unterdrücken wollte. Tököly liefs sich(1682) von der Pforte mit Ungarn belehnen, und so brach der zweite Türken-krieg aus (1682—99). Die Türken belagerten 1683 Wien vergeblich(Rüdiger von Starhemberg), und wurden 1687 beiMoliacz geschlagen. Nachdiesen Erfolgen Österreichs ward 1688 auf einem ungarischen ReichstagUngarn für ein habsburgisches Erbland erklärt, während Siebenbürgen unterösterreichischen Schutz trat. Die Kaiserlichen siegten dann 1691 beiSalankemen (Ludwig von Baden), 1697 bei Zenta (Prinz Eugen), dazu er-oberten die Venetianer Morea, die Russen Asow. So überall unglücklichgestand die Türkei den Frieden von Carlowicz (1699) zu. Danach behieltÖsterreich ganz Ungarn mit Ausnahme des Temesvarer Banats, Slavonien undSiebenbürgen als Erbländer; Venedig Morea und Ägina; Rufsland Asow r .
Das Resultat der europäischen Geschichte des siebzehnten Jahrhundertsist also, dafs Frankreich seine Vorherrschaft im Westen, Schweden die seineim Nordosten mit Mühe behauptet, die europäische Stellung der Türkei da-gegen die erste schwere Erschütterung erfahren hat.
Baldamus.