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DEUTSCHLAND NACH DEM REICHSDEPUTATIONS-HAUPTSCHLUSS.
Als Österreich im Feldzuge von 1798—1800 gegen Frankreich unter-legen war, wurde am 9. Febr. 1801 der Friede zu Luneville geschlossen,der unter andern bestimmte, dass die zu Verlust gekommenen deutschenFürsten und Reichsstände durch säkularisirte Kirchengüter und aufgehobeneReichstädte auf dem rechten Rheinufer entschädigt werden sollten, wieschon auf dem Rastadter Kongrefs vereinbart worden war. Demzufolgewurde am 2. August 1802 von dem deutschen Kaiser durch ein Kommissions-dekret dem Reichstage zu Regensburg eröffnet, dafs eine aufserordentlicheReichsdeputation, gebildet aus acht Mitgliedern und zwar vom Kurfürsten-kollegium aus Mainz, Böhmen, Sachsen, Brandenburg, vom Fürstenkollegiumaus Bayern, dem Hoch- und Deutschmeister, Württemberg und Hessen-Kasselzusammentreten werde und dafs demnach alle deputierten Stände ihre Unter-abgeordneten nach Regensburg zu entsenden hätten. Die aufserordent-liche Deputation begann ihre Beratungen am 24. Aug. 1802 und stelltebis zum 25. Febr. 1803 nach 46 Sitzungen den in acht Abschnitte mit88 Paragraphen zerfallenden Reichsdeputations -Rezefs oder Hauptsclilufsfest, welcher hierauf am 24. März durch ein Reichsgutachten genehmigtwurde. Gemäfs dieses Reichsdeputationsschlusses fand die Verteilung undendgültige Regelung der wichtigeren Territorialentschädigungen der Reihenach in folgender Weise statt:
Österreich erhielt für die Abtretung der Landvoigtei Ortenau, welchesich über die kaiserlich freien Reichsstädte Olfenburg, Zell und Gengenbacherstreckte, die Hochstifter Trient und Brixen. Der Grofsherzog von Toscanaund Erzherzog von Österreich Ferdinand III erhielt für die Abtretungseines Grofslierzogtums, welches zu einem Königreich Etrurien umge-schaifen worden war, das Erzstift Salzburg, die Propstei Berchtesgaden,einen Teil des Hochstifts Passau und das Bistum Eichstädt, die vom bay-rischen Kreise abgezweigt und dem österreichischen Kreise einverleibtwurden, und aufserdem die deutsche Kurwürde. Der dem österreichischenKaiserhause ebenfalls verwandte Herzog von Modena erhielt zu der Land-grafschaft im Breisgau, die ihm schon im Frieden von Luneville zuge-sprochen war, die von Österreich abgetretene Ortenau.
Bayern trat die Pfalz bei Rhein, die Herzogtümer Zweibrücken, Sim-mern und Jülich, die Fürstentümer Lautern und Veldenz, das MarquisatBergen-op-Zoom, die Herrschaft Ravenstein und andere, in Belgien und demElsafs gelegene Herrschaften ab, im ganzen 220 □ Meilen mit 780,000 Ein-wohnern, und erhielt dafür 1) die Hochstifter Würzburg mit Eberach undden andern unmittelbaren Stiftern, Bamberg, Augsburg, Freising mit Mühl-dorf, Passau mit Neuburg und ein kleines Stück des Bistums Eichstädt,2) die Stifter Kempten, Elchingen, Irsee, Kaisersheim, Ottobeuren, Rog-genburg, Söfflingen, St. Ulrich und St. Afra in Augsburg, Ursberg, Wetten-hausen, Waldsassen, Wengen in der Stadt Ulm, 3) die Reichsstädte Bop-fingen, Buchhorn, Dinkelsbiihl, Kaufbeuren, Kempten, Leutkirch, Memmingen,Nördlingen, Ravensburg, Rothenburg an der Tauber, Scliweinfurt, Ulm,Wangen, Weifsenburg, Windslieim, endlich 4) die Reichsdörfer Gochsheimund Sennfeld, im ganzen 288 □ Meilen mit 854,500 Einwohnern.
Preufsen trat ab das Herzogtum Geldern, den auf dem linken Rhein-ufer gelegenen Teil des Herzogtums Cleve, das Fürstentum Mörs, die En-klaven Sevenaar, Huissen und Malburg, im ganzen 48 □ Meilen mit137,000 Einwohnern, und ferner dazu die Rhein- und Maaszölle, erhieltdagegen die Hochstifter Hildesheim und Paderborn, das Erfurter Gebietmit Untergleichen und allen mainzischen Gerechtsamen und Besitzungen inThüringen, das Eichsfeld und den mainzischen Anteil an Treffurt, ferner dieAbteien Herford, Quedlinburg, Elten, Essen, Werden und Cappenberg, diefreien Reichsstädte Mühlhausen, Nordhausen und Goslar, endlich die StadtMünster mit einem Teile des Hochstifts, überhaupt 221□ Meilen mit526,000 Einwohnern.
Der Herzog von Aremberg verlor durch die Abtretung der linkenRheinuferlande an die französische Republik: das Herzogtum Aremberg inder Eifel, zwischen dem Herzogtum Jülich und dem Erzstift Köln, dieGrafschaften Kerpeln und Kesselburg an der Erft, die FreiherrlichkeitCommern im Herzogtum Jülich, die Herrschaften Sassenburg und Schleidenin der Eifel sowie einige kleinere Herrschaften, im ganzen 20 □ M. mit14,329 Einw., wurde dafür entschädigt durch die kurkölnische GrafschaftRecklinghausen, 7 1 /» □ M. mit 18,000 Einw. und durch das Amt Meppen,33 □ M. mit 24,000 Einw. Dem Herzog von Croy wurde das münsterscheAmt Dülmen, 5 1 /,, □ M. mit 10,000 Einw., dem Herzog von Looz undCorswaren das münstersche Amt Rheine-Bevergern und ein Teil des AmtesWolbeck, 13 1 / 2 □ M. mit 16,000 Einw. zugeteilt. Die Fürsten von Salm-Salm und von Salm-Kyrburg erhielten die münsterschen Ämter Ahaus undBockholt, 28 □ M. mit 55, 286 Einw., die Wild- und Rheingrafen einenTeil des münsterschen Amtes Horstmar, 30 Q M., 50,000 Einw., die LinieSalm-Reifferscheid-Bedburg der Altgrafen von Salm für . die abgetreteneGrafschaft Reifferscheid und Herrschaft Bedburg einen Teil des kurmain-zischen Amtes Krautheim, 4 1 /., □ M.
Der König von England und Kurfürst von Braunschweig-Lüneburgverlor seine Ansprüche auf die Grafschaft Sayn-Altenkirchen, auf das Hoch-stift Hildesheim, die Abtei Corvey mit Höxter, die Nutzungs- und Eigen-tumsrechte, die ihm in den Reichsstädten Hamburg und Bremen als Nach-folger der Erzbischöfe von Bremen zustanden und das Amt Wildeshausenan der Hunte, gewann dafür das Hochstift Osnabrück 43 □ M. mit126 000 Einw. ' Der Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel erhielt dieAbteien Gandersheim und Helmstädt mit der Belastung einer ständigenRente von 2000 Gulden für das Amalienstift zu Dessau.
Der Markgraf von Baden, welcher zum Kurfürsten erhoben wurde,verlor seinen Anteil an der Grafschaft Sponheim, 8 □ M., 25 000 Einwohnernebst seinen Gütern und Herrschaften im Luxemburgischen, Elsafs u. s. w.,erhielt aber dagegen das Hochstift Constanz, die Überreste der HochstifteSpeier, Basel und Strafsburg, die pflälzischen Ämter Ladenburg, Brettenund Heidelberg mit den Städten Heidelberg und Mannheim, alsdann dieHerrschaft Lahr in der Ortenau, die hessischen Ämter Lichtenau undWild-städt, die Abteien Schwarzbach, Frauenalb, Allerheiligen, Lichtenthal,Gengenbach, Ettenheim-Münster, Petershausen, Reichenau, Öhningen, diePropstei und das Kapitel Odenheim und die Abtei Salmansweiler, endlichdie kaiserlichen freien Reichsstädte Offenburg, Zell, Gengenbach, Überlingen,Biberacli, Pfullendorf und Wimpfen, überhaupt 59 ] / 4 □ M. und 237 000 Einw.
Text zum Historischen Handatlas.
Württemberg, ebenfalls zum Kurfürstentum erhoben, wurde für denVerlust der Grafschaft Mömpelgard, 7 QM., 14 000 Einw., wie auch fürden seiner Rechte, Besitzungen, Dienste im Elsafs und der FreigrafschaftBurgund entschädigt durch die Propstei Eilwangen, die Kapitel, Abteienund Klöster Zwifalten, Schönthal, Comburg, Rothmünster, Heiligenkreuz-thal, Obristenfeld, Margarethhausen, das Dorf Dürrenmetstetten und endlichdurch die kaiserlichen Reichsstädte Weil, Reutlingen, Efslingen, Rottweil,Giengen, Aalen, Hall, Gmünd und Heilbronn, überhaupt 28 s / 4 DM. mit120 000 Einw.
Der Landgraf von Hessen-Kassel, zum Kurfürsten erhoben, erhielt gegenAbtretung von St. Goar und Rheinfels und seiner Rechte und Ansprücheauf Corvey die mainzischen Ämter Fritzlar, Naumburg, Neustadt und Amöne-burg nebst den Klöstern in den genannten Ämtern, ferner die Stadt Geln-hausen und das Reichsdorf Holzhausen. Der Landgraf von Hessen-Darmstadterhielt für die Grafschaft Lichtenberg, die Aufhebung seines Schutzrechtesüber Wetzlar und des hohen Geleites nach Frankfurt und für die Abtretungder Ämter Lichtenau und Wildstädt (s. Baden), Katzenelnbogen, Braubach,Ems, Kleeberg, Epstein und des Dorfes Weipersfelden: das Herzogtum West-falen kölnischen Anteiles mit den Kapiteln, Abteien und Klöstern, die sichin dem genannten Herzogtum befinden, ferner die mainzischen Ämter Gerns-heim, Bensheim, Heppenheim, Lorsch, Fürth, Steinheim, Alzenau, Vilbel,Rockenburg, Hafsloch, Astheim, Hirschhorn, alsdann die pfälzischen ÄmterLindenfels, Umstadt, und Otzberg, sowie die Überreste der Ämter Alzey undOppenheim, ferner die Überreste des Hochstiftes Worms, die Abteien Seligen-stadt und Marienschlofs bei Rockenburg, die Propstei Wimpfen und diekaiserliche Stadt Friedberg, 88 1 / 2 □ M., 171 500 Einw.
Der Herzog von Holstein-Oldenburg wurde für die Aufhebung desElsflether Zolls, die Abtretung mehrerer Dörfer an das Gebiet von Lübeckund für seine Gerechtsame und Eigentumsrechte in diesem Gebiete sowiefür die des Kapitels in Lübeck, mit dem Bistum und dem Domkapitel vonLübeck, dem hannoverschen Amte Wildeshausen und den beiden münsterschenÄmtern Vechte und Kloppenburg, die 46 x / 2 Q M. mit 60 000 Einw. hatten,entschädigt.
Der Fürst von Nassau-Usingen von der älteren Walramschen Liniedes Hauses Nassau verlor das Fürstentum Saarbrücken, zwei Dritteile derGrafschaft Saarwerden, die Herrschaft Ottweiler und die Herrschaft Lahr(s. Baden), 24 □ M., 60 286 Einw., erhielt dagegen die mainzischen ÄmterKönigstein, Höchst, Kronenberg, Rüdesheim, Oberlahnstein, Eltville, Kasselmit den Domkapitelsbesitzungen zur Rechten des Mains unterhalb Frankfurt,ferner das pfälzische Amt Caub, den Überrest des Kurfürstentums Köln,alsdann die hessischen Ämter Katzenelnbogen, Braubach, Ems, Epstein undKleeberg, die Dörfer Weipersfelden, Soden, Sulzbach, Schwanheim undOkriftel, die Kapitel und Abteien Limburg, Rümersdorff, Bleidenstadt, Saynund alle Kapitel, Abteien und Klöster, die in den ihm als Entschädigungzufallenden Ländern gelegen sind, endlich die Grafschaft Sayn-Altenkirchen,im ganzen 36 3 / 4 QM., 93 300 Einw. Der Fürst von Nassau-Weilburgebenfalls von der Walramschen Linie erhielt gegen Abtretung eines Dritteilsvon Saarwerden und der Herrschaft Kirchheim-Bolanden, 6 □ M., 15 OOOEinw.,die Überreste des Kurfürstentums Trier mit den Abteien Arnstein, Schönauund Marienstadt, 16 DM., 37 000 Einw. Der Fürst von Nassau-Dillenburgvon der jungem Ottonischen Linie endlich (Nassau-Oranien) erhielt als Ent-schädigung für seine Domänen in Holland und Belgien die HochstifterFulda und Corvey, die kaiserliche Stadt Dortmund, die Abtei Weingarten,die Abteien und Propsteien Hofen, St. Gerold im Lande Weingarten, Bän-dern im Gebiete von Lichtenstein, Dreikirchen im Lande Nassau, zusammen46 □ M. mit 120 000 Einw. Stübel.
Zu Seite 46 und 47:
DEUTSCHLAND IM XVIII. JAHRHUNDERT.
Durch den Westfälischen Frieden war die politische Ohnmacht desdeutschen Reiches völkerrechtlich sanktioniert. Eine Erneuerung Deutsch-lands in den alten kaiserlichen Formen wurde schon durch die widerspruchs-volle Reichsverfassung mit ihrer unglaublichen Schwerfälligkeit und dasMifstrauen der jungen Souveräne gegen alles, was wie kaiserliche Gewaltaussah, unmöglich, ganz abgesehen von dem römischen Ursprung des altenKaisertums und davon, dafs die habsburgischen Kaiser katholisch warenund sehr viel aufserdeutsclie, ja undeutsche Interessen hatten. Von denEinzelstaaten mufste also die Erneuerung und zwar in bundesstaatlicherForm ausgehen: dies ward vorbereitet im XVII. und XVIII. Jahrhundert;Preufsen erlangte die Führerrolle, besonders weil es die erste protestan-tische Macht wurde, weil es ein aufserdeutsches Land besafs, das aber gutdeutsch war, weil seine sonderstaatlichen Interessen (Frankreich, Schweden)mit den allgemeindeutschen zusammenfielen. Freilich musste eine fremde Ge-waltherrschaft den morschen Reiclisbau erst völlig Umstürzen und den Bodenmit eisernem Besen reinkehren, ehe dieser Neubau vollendet werden konnte.
Für das erste Jahrhundert nach dem Westfälischen Frieden können wiruns hier mit dem Hinweis auf p. 43 f. und p. 47 f. begnügen; seit 1740aber stehen die deutschen Verhältnisse im Mittelpunkte der europäischenGeschichte. Die österreichische Erbfolgefrage (p. 48) benutzte Friedrich II,um ganz Schlesien zu erwerben. Dez. 1740 eröffnete er den ersten schlesi-schen Krieg (1740—42); der preufsische (Schwerin) Sieg bei Mollwitz(10. April 1741) bewirkte, dass Bayern, Frankreich und Sachsen den öster-reichischen Erbfolgekrieg (1741—48) begannen. Sie drangen bis Linzvor, besetzten Prag (26.Nov.) und erreichten, dass am 24. Jan. 1742 KarlAlbert vonBayern als Karl VII zum deutschen Kaiser erhoben wurde. Friedrichhatte sich während dieser Bedrängnis Maria Theresias ruhig gehalten; alsdann aber die Ungarn Österreich retteten und München nahmen (12. Febr.),rückte er in Böhmen ein und siegte bei Chotusitz (17. Mai). Maria Theresiabequemte sich nun im Breslau- (11. Juni) Berliner (18. Juli) Friedenzur Abtretung Schlesiens mit Glatz, um freie Hand gegen ihre übrigenFeinde zu bekommen. Die Österreicher gewannen denn auch Böhmen undBayern, uud die pragmatische Armee (Georg II von England) zwang dieFranzosen durch den Sieg bei Dettingen (27. Juni 1743) über den Rheinzurückzugehen. Friedrich sah in dieser Erstarkung Österreichs, zumales mit Sachsen Bündnis schloss, eine Bedrohung Preufsens, und begann alsVerbündeter Kails VII den zweiten schlesischen Krieg (1744—45). Ernahm Prag, musste aber nach Schlesien zurück, da ein sächsisches Heerin seinem Rücken erschien. Seine Lage wurde schwierig, als Rufsland(Elisabeth) sich seinen Feinden näherte, Bayern nach Karls VII Tode mit
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