Karte 
Professor G. Droysens allgemeiner historischer Handatlas : in sechsundneunzig Karten mit erläuterndem Text / ausgeführt von der Geographischen Anstalt von Velhagen & Klasing in Leipzig unter der Leitung von Dr. Richard Andree
Entstehung
Seite
48
JPEG-Download
 

48

seine Ansprüche auf Orange, erhält das Oberquartier Geldern, die Anerken-nung des Königstitels und des 1707 erworbenen Neuenburg. Das deutscheReich geht leer aus. Obwohl also Spanien schliefslich an die Bourbonenfiel, war doch infolge der erlittenen Niederlagen die französische Übermachtgebrochen, besonders erstarkt aber war England.

Im Osten strebte Peter der Grofse (168(2)91725) Rufsland dereuropäischen Kultur zu nähern und seine Grenzen bis ans Meer zu erweitern.Schon hatte er 1697 Asow erobert; wichtiger aber war es, die Ostsee zu er-reichen. Dazu mufste Schweden verdrängt werden. Nun wünschte der neuePolenkönig August der Starke v. Sachsen (16971733) Livland zu ge-winnen; Friedrich IY von Dänemark (16991730) aber setzte mit derFeindschaft gegen Schweden nur die Politik seiner Vorgänger fort und warpersönlich erbittert, weil Schweden den Herzog Friedrich IY von Holstein-Gottorp, dem er die Souveränität streitig machte, unterstützte. Bei derJugend des Schwedenkönigs Karl XII, der 15 Jahr alt 1697 den Thronbestiegen hatte, hielten die drei Nachbarn den Zeitpunkt zur Ausführungihrer Eroberungspläne für günstig und vereinigten sich zu einem Krieggegen ihn. So kam es zum Nordischen Krieg (1700 1721).Karl XII aber überraschte seine Feinde. Unerwartet erschien ervor Kopenhagen und zwang den Dänenkönig im Frieden von Travendal(1700) aus der Koalition auszutreten. Noch in demselben Jahre schlug erdie in Ingermanland eingebrochenen Russen bei Narwa und zog dann überLivland gegen Polen. Mehrere Siege (Klissow, Pultusk) ermöglichten es Karl,1704 vom polnischen Reichstag die Absetzung des Polenkönigs aussprechenund Stanislaus Lesczinsky zum König erheben zu lassen. Nach planlosenZügen in Polen marschierte er dann, unbekümmert um die Neutralität desLandes, durch Schlesien nach Sachsen. Hier mufste der Kurfürst im Friedenvon Altranstädt (1706) auf denpolnischen Thron verzichten. Karl hatte durchden Zug nach Sachsen dem Zaren Mufse gelassen sich in Ingermanland fest-zusetzen und 1703 St. Petersburg zu gründen. Diesem Fehler fügte er einenzweiten hinzu, als er aus Sachsen zurückkehrend 1708 nicht auf Moskaumarschierte, sondern, veranlafst durch den Kosakenhetman Mazeppa, in dieWälder, Sümpfe und Steppen der Ukraine einrückte. Hier wurden die Schwe-den 1709 beiPultawa völlig geschlagen. Mit wenigen Getreuen floh Karl XIIauf türkisches Gebiet und nahm seinen Wohnsitz in Bender. Zunächst gelanges ihm die Pforte 1711 zum Kriege zu bestimmen. Als aber das russischeHeer von den Türken am Pruth völlig eingeschlossen war, gewährte ihnender Grofswessir, durch Geschenke (Zarin Katharina) bewogen, den Frieden vonHusch: die Türkei erhielt dadurch Asow zurück, für Karl aber war jede Aus-sicht auf weitere türkische Hilfe dahin. Trotzdem blieb er, selbst dann noch,als der Sultan ihm die Gastfreundschaft kündigte. Dieser Starrsinn kam nurden Gegnern Schwedens zu gute. Der Zar, der sächsische Kurfürst und derDänenkönig hatten nach Pultawa ihr Bündnis erneuert; 1709 kehrte Augustnach Polen zurück; Esthland und Livland wurden 1710 von den Russen be-setzt und ein verleibt; die Dänen drangen in Bremen und Verden ein; russischeTruppen erschienen in Pommern. Damit die Dänen und Russen sich nichtan den Elbe- und Odermündungen festsetzen könnten, wollte der neue Preufsen-könig Friedrich Wilhelm I (171340), der durch den Utrechter Frieden imWesten frei geworden war, gegen die Abtretung von Vorpommern bis zurPeene Schweden unterstützen und besetzte vorläufig Stettin. Als so in Deutsch-land nur noch Stralsund, Rügen und Wismar in schwedischen Händen war,erschien endlich 1714 Karl XII wieder. Da er aber die vonPreufsen gefor-derte Abtretung verweigerte, erklärte ihm dies den Krieg (1715); dasselbethat Hannover, um Bremen-Verden zu gewinnen. Auch Karl konnte imFortgang des Krieges den Verlust von Stralsund, Rügen und Wismar nichthindern und ging nach Schweden zurück. Die von seinem gewandten Mi-nister Görz angeknüpften Unterhandlungen durchkreuzte er durch einenFeldzug gegen das dänische Norwegen; dabei fiel er vor Frederikshald 1718,doch wohl durch Meuchelmord. Mit Umgehung Friedrichs IV von Holstein-Gottorp, der als Gemahl der ältern Schwester Karls der nächstherechtigteErbe war, wurde vom schwedischen Reichsrat die jüngere SchwesterUlrike Eleonore (1719 20) und ihr Gemahl Friedrich von Hessen-Cassel (172051) auf den schwedischen Thron erhoben. Die Friedens-schlüsse mit den einzelnen Mächten, zuletzt 1721 zu Nystadt mit Rufsland,brachten dann folgende Veränderungen: 1) Hannover erhielt Bremen-Verden,2) Preufsen Vorpommern bis zur Peene nebst Usedom und Wollin, 3) Däne-mark die schleswigschen Besitzungen des Herzogs von Holstein - Gottorp,4) Rufsland Livland, Esthland, Ingermanland, Karelien, 5) August der Starkeblieb König von Polen. Danach behielt Schweden in Deutschland nurNeuvorpommern und Wismar: seine nordische Vorherrschaft war dahin, ein-getreten in den Kreis der europäischen Mächte war Rufsland.

Kurz vorher hatte die Türkei den Versuch gemacht die Verluste desCarlowiczer Friedens wieder einzubringen. 1711 hatte sie Asow wieder er-langt, 1715 eroberte sie Morea von den Venetianern. Gegen die drohendeGefahr verband sich Österreich mit Venedig. Der türkische Angriff auf Korfuwurde nun abgewiesen, Prinz Eugen siegte bei Temesvar und eroberte nacheiner siegreichen Schlacht Belgrad. Die Folge war der Friede von Passaro-witz (1718), wonach Österreich den Banat, Kroatien, einen Teil Serbiens unddie Walachei bis zur Aluta erhielt; Venedig seine Eroberungen in Dalmatienund Albanien, die ionischen Inseln nebst Cerigo behielt, aber Morea abtrat.

Es ist kein Zufall, dafs der Sturz Frankreichs, Schwedens und derTürkei ungefähr gleichzeitig erfolgte, denn so wenig direkte Beziehungenauch zwischen den hierzu geführten Kriegen obwalten, so hatten doch ebendie drei Mächte ihre Stellung durch gegenseitige mittelbare und unmittelbareUnterstützung erlangt. Das nun errungene Gleichgewicht der Mächtezu erhalten, war in den nächsten Jahrzehnten der oberste Gesichtspunkt dereuropäischen Staatsmänner, besonders des Westens; dazu kam dann dieösterreichische Erbfrage. Karl VI hatte nämlich in der pragmatischenSanktion seine Tochter Maria Theresia zur Erbin Österreich-Ungarns ein-gesetzt und wünschte von allen Mächten die Anerkennung dieser Erbfolge-ordnung zu erlangen. Dies beides bewirkte eine Reihe Besitzverschiebungen,bei denen besonders Italien (vgl. dies) als Ausgleichungsgegenstand diente.

Der Versuch Spaniens, dessen Königin Elisabeth auch Erbin vonParma war, die 1713 verlorenen italienischen Besitzungen zurückzuge-winnen und so das Gleichgewicht zu verschieben, wurde durch die zwischendem Kaiser, Frankreich, England, Holland geschlossene Quadruppelallianzvereitelt. Der durch sie erzwungene Haager Frieden (1720) bestätigte denUtrechter, doch tauschte Savoyen gegen Sizilien von Österreich Sardinienein und hiefs seitdem Königreich Sardinien. Die spanischen Erbansprücheauf Parma wurden jedoch anerkannt, und so folgte hier beim Aussterben

der Farnese 1731 Philipps V Sohn Karl. Nachdem dann gegen ein drohendesspanisch-österreichisches Bündnis das gefährdete Gleichgewicht 1725 imHerrenhäuser Bündnis Schutz gesucht, mafsen sich die Mächte wieder heimTode Augusts von Polen 1733. Frankreich suchte den Schwiegervater Lud-wigs XV, Stanislaus Lesczinsky, auf den polnischen Thron zu bringen, Öster-reich und Rufsland dagegen den sächsischen Kurfürsten August III. Derereignislose polnische Erbfolgekrieg wurde im Wiener Frieden 1735 auffolgende Bedingungen beendigt: 1) Friedrich August III wird König vonPolen. 2) Stanislaus Lesczinky bekommt Lothringen, das nach dessen Todean Frankreich fällt. 3) Franz Stephan von Lothringen erhält die Anwart-schaft auf Toskana; er vermählte sich dann 1736 mit Maria Theresia undbekam Toskana 1737 beim Aussterben der Medici. 4) Österreich erhältParma und die Anerkennung der pragmatischen Sanktion; 5) Karl von ParmaBeider-Sizilien als bourbonische Sekundogenitur; 6) Sardinien einige oberita-lienische Ortschaften. Rufsland ward 1737 belohnt durch Übertragung despolnischen Lehnsherzogtums Kurland an Biron, den Günstling der ZarinAnna. Die in dieser Frage verbündeten Mächte Österreich und Rufslandführten dann 173639 einen Türkenkrieg, der durch den Frieden vonBelgrad beendet wurde: danach trat Österreich Serbien und die Walacheiah, so dafs Donau und Save die Grenzen bilden; Rufsland dagegen erhielt Asow.

Das war die Lage Europas, als 1740 Friedrich II den preufsischenThron bestieg, und Karl VI von Österreich starb. Damit beginnt eine neueEpoche europäischer Geschichte ; in ihr handelte es sich zunächst um dieThronfolge Maria Theresias in Österreich, dann um die GrofsmachtstellungPreufsens. Da bei Deutschland auf die Kämpfe der nächsten Zeit einge-gangen werden mufs, beschränken wir uns hier auf das Notwendigste. BeimTode Karls VI erhob Karl Albert von Bayern Ansprüche auf Österreich,Friedrich II auf Schlesien. Als letzterer 1740 siegreich in Schlesien ein-rückte, eröffnete auch Bayern im Bunde mit Frankreich und Sachsen denKrieg gegen das mit England verbündete Österreich. Während des öster-reichischen Erbfolgekrieges (174048) trat Maria Theresia zweimal,im Breslau-Berliner Frieden 1742 und im Dresdner 1745, Schlesien mitGlatz an den Preufsenkönig ab. Sonst aber hatten sie und England imganzen Erfolg. Nach dem Tode Karl Alberts verzichtete sein NachfolgerMax Josef 1745 im Frieden von Füssen auf die österreichische Erbfolge;1746 scheiterte durch die Schlacht von Culloden ein letzter Versuch derFranzosen, die Stuarts auf den englischen Thron zurückführen; in Italienbehaupteten die Österreicher, zur See und in den Kolonien die Eng-länder das Übergewicht; nur in den Niederlanden siegten die Franzosenunter Führung des Marschall Moritz von Sachsen. Der Krieg fand seinenAbschlufs im Frieden von Aachen 1748; danach wurde die pragmatischeSanktion für Österreich, die Erwerbung Schlesiens für Preufsen anerkannt,während Philipps V Sohn Philipp als zweite spanisch-bourbonisclie Sekundo-genitur Parma erhielt. Die Vernichtungspläne gegen Österreich waren alsogescheitert, Preufsen aber Grofsmacht geworden.

In den nächsten Jahren vollzog sich nun ein völliger Umschwung inder Gruppierung der europäischen Mächte. Noch immer w y aren vom16. Jahrh. her bei allen politischen Kombinationen Österreich und Frank-reich als die natürlichen Gegner erschienen. Jetzt trat als erster festerPunkt hervor die Feindschaft gegen das aufstrebende Preufsen, in der zu-nächst Österreich, Rufsland und Sachsen einig waren; als zweiter der Zu-sammenstofs der englischen und französisch-spanischen Interessen in Nord-amerika, wo die englischen Kolonisten im Norden und Süden von romani-schen umgeben waren und Gefahr liefen das Hinterland zu verlieren. Nunlockerte sich zunächst das österreichisch-englische Bündnis, denn der eng-lische König verlangte von der österreichischen Freundschaft vor allem denSchutz seines Stammlandes Hannover, wollte aber für die RückgewinnungSchlesiens schon deshalb nichts tliun, weil Hannover dann einem preufsi-schen Angriff ausgesetzt wäre. Andererseits schien Maria Theresia nichtabgeneigt, Belgien, dessen Schutz gegen Frankreich so lange Zweck desenglisch-österreichischen Bündnisses gewesen, im Notfall für WiedererlangungSchlesiens preiszugeben. Da also hier die französisch - österreichischenInteressen nicht mehr zusammenstiefsen, knüpfte Kaunitz in Paris an; ob-gleich es für Frankreich hätte erwünscht sein müssen, dafs seinem altenFeinde Österreich in Preufsen ein Gegengewicht erstand, hatte er doch Er-folg, besonders unterstützt durch die Pompadour. So kam, als England undPreufsen 1756 einen Neutralitätsvertrag geschlossen, zwischen Österreich und

Frankreich zunächst ein Verteidigungsbündnis zustande. Friedrich erfuhr, dafser im nächsten Jahre angegriffen werden sollte, deshalb suchte er durch einenunerwarteten Angriff 1756 die Koalition zu sprengen und den Frieden vonÖsterreich zu erzwingen. Der Widerstand der Sachsen vereitelte dies trotzihrer Kapitulation, da er Friedrichs Einmarsch nach Böhmen verhinderte.Vielmehr schlofs sich nun 1757 das Angriffsbündnis zwischen Rufsland,Österreich, Frankreich, Sachsen, Schweden, dessen Ziel war, durch einegründliche Verkleinerung den preufsischen Staat auf den Stand der Mark-grafschaft Brandenburg herabzudrücken. Dafs dabei Belgien an Frankreich,Pommern an Schweden, Ostpreufsen an Rufsland gefallen wäre, kümmerteden Kaiserhof nicht. Auf Friedrichs Seite stand nur England, welches seinekolonialen Interessen gegen Frankreich und das seit 1760 mit Frankreichverbündete Spanien verfocht. Der Friede von Fontainebleau-Paris (1763)sicherte das englische d. h. protestantisch-germanische Übergewicht in Nord-amerika (vgl. p. 88), der Friede von Hubertusburg (1763), geschlossen aufGrund des Status quo ante, vereitelte die Vernichtung des protestantischenPreufsens und die Auslieferung der deutschen Grenzen an das Ausland.

Nur wenig ist noch bis zur französischen Revolution zu bemerken.Eine Linie des Hauses IIolstein-Gottorp bestieg 1751 den schwedischeneine andere 1762 den russischen Thron. Frankreich erhielt 1766 beimTode Lesczinskys Lothringen England verlor 1782 während des nordame-rikanischen Unabhängigkeitskrieges, in den Frankreich und Spanien fürNordamerika eintraten, Menorca an Spanien. Katharina II von Rufsland(176296) erstrebte die Vertreibung der Türken aus Europa und dieVernichtung Polens. Beides mulste Österreich und Preufsen zu verhindernsuchen, da sonst eine russische Übermacht drohte. Deshalb hatten, obgleichÖsterreich unter Josef II, durch die Hoffnung auf Bayern gewonnen, sich1788 zeitweilig mit Rufsland verbündete, die beiden Türkenkriege (176874, 17889U doch nicht den von Katharina gewünschten Erfolg, an derpolnischen I eute aber mufste sie in drei Teilungen die Nachbarn teilnehmenlassen. ( g . u sland und Polen.) Ragusa bewahrte unter türkischer Ober-hoheit seine elbständigkeit; ebenso blieb Montenegro unabhängig, seit 1712mit Anlehnung an Rufsland. Baldamus.