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Professor G. Droysens allgemeiner historischer Handatlas : in sechsundneunzig Karten mit erläuterndem Text / ausgeführt von der Geographischen Anstalt von Velhagen & Klasing in Leipzig unter der Leitung von Dr. Richard Andree
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immer wieder wird sie bestätigt, zuletzt 1559 in dem Frieden von Chateau-Cambresis. Unter dem Einflufs dieser Kriege erfolgen eine Reihe Verän-derungen in den italienischen Staaten. Die Verfassungsänderung in Genua1528 ist der Lohn für Dorias Übertritt zum Kaiser, die Geschicke derMediceer in Florenz sind bedingt von der Stellung der Mediceer-Päpste zuKarl V. Das Land des Herzogs von Savoyen - Piemont wird 1535 vonFranzosen besetzt, durch den Waffenstillstand von Nizza (1538) bleibt es inder Hand von Franzosen und Kaiserlichen, durch den Frieden von 1559 er-hält der Herzog es zurück; doch wird Pinerolo erst 1576, Saluzzo 1601 vonFrankreich herausgegeben. Über Montferrat und Parma-Piacenza' siehe oben.Mailand wird nach Franz Sforzas Tode 1535 von Karl V als Reichslehn ein-gezogen und 1540 an den Kaisersohn Philipp II übertragen, der 1554 auchNeapel (Sizilien, Sardinien) und 1556 Spanien erhält. Gegen diese spaniscli-habsburgische Vorherrschaft in Italien hat die französische Politik den erstenErfolg während des dreifsigjährigen Krieges: 16 2 7 erlosch das Haus Gonzaga,und die Habsburger mufsten im Frieden von Cherasco (1631) darein wil-ligen, dafs in Mantua-Montferrat das französische Haus Neyers folgte; zu-gleich hatten die Franzosen die wichtige Alpenfestung Pinerolo besetzt.Inzwischen trat besonders seit dem Westfälischen Frieden (1648) in Europadas französische Übergewicht an Stelle, des liabsburgisclien. In dem da-gegen geführten sogenannten dritten Raubkrieg hatte Savoyen 1696 Pine-rolo zurückerhalten. Die bedeutendsten Veränderungen in Italien abererfolgten, als beim Aussterben der spanischen Habsburger (1700) LudwigNIVdie gesamte spanische Monarchie für sein Haus zu erwerben suchte unddarüber der spanische Erbfolgekrieg (170014) ausbrach. Währenddesselben wird 1707 Italien von den Österreichern besetzt: die französischgesinnten Nevers in Mantua-Montf errat und die Pico in Mirandola werdenentthront (siehe oben); im Utrechter und Rastatter Frieden (1713/14)kommt Mailand, Neapel, Sardinien an Ostreich, Sizilien aber an Savoyen,das aufserdem von Frankreich Exilles und Fenestrelles, von dem mailän-dischen Gebiet Valenza und Alessandria erhält. An Stelle Spaniens trat alsoÖsterreichs Vorherrschaft in Italien. Ein spanischer Versuch, die ver-lorenen Besitzungen zurückzugewinnen wird im Frieden zu Haag (1720) ver-eitelt; zugleich kommt durch einen Tausch Sizilien an Österreich, Sardinienan Savoyen, das zum Königreich Sardinien erhoben wird. Doch solltees den spanischen Bourbonen gelingen, wenigstens Sekundogenituren inItalien zu gründen. Da Elisabeth Farnese von Parma Gemahlin Philipps Vvon Spanien war, waren schon 1720 die spanischen Ansprüche auf Parmaanerkannt, beim Aussterben des Mannesstammes folgte hier 1731 PhilippsSohn Karl. Weitere Veränderungen erfolgten im Zusammenhang mit denösterreichischen Bemühungen für Anerkennung der pragmatischen Sank-tion. Im Wiener Frieden (1735) wird der eben erwähnte Karl von ParmaKönig von Neapel-Sizilien und damit der Begründer der ersten spanischenSekundogenitur, Parma dagegen fällt an Österreich; Novara und Tortonakommen an Savoyen; Franz Stephan von Lothringen (1736 Gemahl derMaria Theresia), der sein Stammland an Stanislaus Lescinzky für dessenVerzicht auf den polnischen Thron abtreten mufs, erhält dafür die Anwart-schaft auf Toscana und folgt hier 1737 beim Aussterben der Medici: damitwird Toscana österreichische Sekundogenitur. Nach dem österreichischenErbfolgekrieg (1740 48) wird im Aachener Frieden Parma-Piacenza-Guastalla eine zweite bourbonische Sekundogenitur unter Philipps V SohnPhilipp; Savoyen erhielt Bobbio und einen Teil des Gebiets von Pavia biszum Ticino. So blieb der Zustand Italiens bis zum Ende des Jahrhunderts;er. warein Abbild des allgemeinen europäischen Gleichgewicht-systems: die grofsen Mächte (Habsburg-Lothringen in Mailand, Mantuaund Toscana, die Bourbonen in Parma, Neapel und Sizilien) hielten sich dieWage, Sardinien war stark genug zu selbständiger Politik, daneben bestandeneinige Kleinstaaten (Modena, Lucca, Piombino), die Republiken Venedigund Genua zehrten von dem Glanz verschwundener Zeiten, und mitten hineinlegte sich der Kirchenstaat.

Zu Seite 68: Italien 1799, 1806, 1810.

Grofse Veränderungen brachte nun die französische Revolution.Während des ersten Koalitionskrieges (179297) und durch den Friedenvon Campoformio (1797) bleiben in Ober- und Mittelitalien bestehen Piemont,(doch waren Nizza und Monaco schon 1793 in Frankreich einverleibt),Parma, Toscana, Lucca, Piombino und der Stato degli Presidii. Aus demöstreichischen Mailand-Mantua, Modena, einem Teil von Venedig, dem nörd-lichen Teil des Kirchenstaates (den Legationen) wird die cisalpinisclieRepublik gebildet. Der Rest von Venedig mit den Besitzungen in Istrienund Dalmatien fällt an Österreich, Genua wird in die liguri sehe Republikverwandelt, der entthronte Herzog von Modena soll im Breisgau entschädigtwerden. Im nächsten Jahre 1798 wird aus dem Rest des Kirchenstaatesdie römische Republik gebildet, und bei Napoleons ägyptischer Expe-dition Malta den Johannitern abgenommen. Beim Beginn des zweitenKoalitionskrieges (17981802) wird auch Piemont und Toskana besetzt;als von Neapel aus ein Versuch zur Herstellung des Kirchenstaates gemachtwar, wird Neapel erobert und hier 1799 die Partlienopäische Repu-blik erklärt.

Durch die Siege der Koalition wurde 1799 Neapel und der Kirchen-staat den Franzosen wieder entrissen, die cisalpinisclie Republik aufgelöst,1800 Malta von England besetzt. Napoleons Siege aber brachten durch denFrieden von Luneville (1801) folgende Änderungen. Die cisalpinisclie Re-publik wird wiederhergestellt und erhält 1802 den Namen italienischeRepublik. Der Sohn des bourbonisclien Herzogs von Parma Ludwig erhältToskana als Königreich Etrurien (der entthronte Herzog von Toskanasollte durch Salzburg entschädigt werden). Der Papst behält den verklei-nerten Kirchenstaat, ebenso bleibt Neapel dem bourbonisclien König, nurmufs er den Stato degli Presidii abtreten. 1802 wird Piemont in Frankreicheinverleibt, dem Könige verbleibt Sardinien. Nachdem Napoleon 1804 Kaisergeworden, folgten neue Veränderungen. 1805 wird die italienische Republikin das Königreich Italien verwandelt (Napoleon König, Eugen Beau-harnais Vizekönig) und ihm unter französischer Verwaltung Parma hinzu-gefügt. In demselben Jahre wird die ligurisclie Republik in Frankreich ein-veileibt, Lucca und Piomhino werden als Fürstentum Napoleons Schwe-ster Elisa (Gemahl Pasquale Baccioclii) gegeben, nur Elba bleibt franzö-sisch. Durch den Frieden von Prefsburg (1805) tritt Österreich Venedig,Istrien, Dalmatien an das Königreich Italien ab, 1806 wird die Entthronungder Bourbonen in Neapel verfügt, und das Königreich Neapel an Napo-leons Bruder Josef Bonaparte verliehen, den Bourbonen bleibt nur Sizilien;

als Fürsten werden eingesetzt auf früher päpstlichem Gebiet Bernadotte inPontecorvo, Talleyrand in Benevent. Napoleons / Schwester Pauline(Gemahl Camillo Borghese) erhält als Herzogtum Guastalla, tritt es aberschon nach zwei Monaten an Italien ab. Lucca wird durch Massa Carraravergröfsert.

Nach der Niederlage Preufsens (1806/7) werden 1807 die Bourbonenin Etrurien entthront, das Land in Frankreich einverleibt, und 1809 Napo-leons Schwester Elise Bacciochi von Lucca mit dem Titel Grofsherzogin vonToskana als Regentin eingesetzt; 1808 wird der östliche Teil des Kirchen-staats (Ancona, Urbino) dem Königreich Italien hinzugefügt, und Rom vonfranzösischen Truppen besetzt. König von Neapel wird in demselben JahreNapoleons Schwager Joachim Murat. Aus den im Wiener Frieden (1809) ab-getretenen österreichischen Gebieten (Triest, Villach etc.) mit Istrien und Dal-matien werden die illyrischen Provinzen gebildet, Italien wird durcheinen Teil Tirols vergröfsert ; 1809 wird der Kirchenstaat in Frankreich ein-verleibt.

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Italien 18151859. Italienische Kriegsschauplätze.

Napoleons Weltreich brach 1814 zusammen. Bei Ordnung der Ver-hältnisse Italiens verfuhr man in der Hauptsache nach dem Grundsätze derRestauration der altlegitimen Gewalten. Ausgeschlossen davon bliebennur die Republiken Venedig, Genua, Lucca, auch behielt Murat für seinenAbfall von Napoleon sein Königreich Neapel. Ehe aber die Neuordnungganz durchgeführt war, stellte Napoleons Rückkehr nach Frankreich wiederalles in Frage; indes er wurde besiegt. Da Murat auf Napoleons Seite ge-treten war, so hatte auch er sein Königreich verwirkt. Aus den Beschlüssendes Wiener Kongresses und den Bestimmungen des zweiten Pariser Frie-dens (1815) ging nun in Italien folgendes Staatensystem hervor.

Österreich erhielt Lombardo-Venetien, d. li. sein altes Gebiet Mai-land-Mantua, die früheren Besitzungen Venedigs an beiden Küsten der Adria'und vom alten Kirchenstaat den Streifen nördlich des Po. Modena wirdösterreichische Sekundogenitur unter Franz IV, Sohn des Erzherzogs Ferdi-nand und der Maria Beatrix, Tochter des 1796 entthronten, 1803 gestorbenenletzten Herzogs von Modena aus dem Hause Este. Toscana wird alsösterreichische Sekundogenitur an Ferdinand III zurückgegeben. Sar-dinien bekam zu seinem früheren Besitz (ein Teil von Savoyen, Chambery,Annecy, hatte nach dem ersten Pariser Frieden bei Frankreich bleiben sollenund wird erst im zweiten abgetreten) die alte Republik Genua. I, uccaerhalten die in Parma legitimen Bourbonen mit der Anwartschaft auf Parma.

Parma wird zunächst auf Lebenszeit Napoleons Gemahlin, Marie Luisevon Österreich, gegeben. Als diese 1847 stirbt, folgt Karl Ludwig von Luccain Parma, tritt aber Lucca an Modena ab. Der Kirchenstaat wirdwiederhergestellt, ebenso das Fürstentum Monaco. Die Republick S. Ma-rino hatte alle Stürme überdauert. Neapel und Sizilien erhält als König-reich Beider-Sizilien das Bourbonische Königshaus (Ferdinand I) zurück.

Malta verbleibt den Engländern.

Italien war also wieder in viele Staaten zerspalten, stand wieder unterFremdherrschaft, vorwiegend der Österreichs, und wurde nach dem vorrevolu-tionären System des Absolutismus regiert. Bald richten sich die Bestrebungeneiner grofsen patriotischen Partei auf eine Verfassung und einen national-italienischen Einheitsstaat, naturgemäfs also gegen Österreich. RevolutionäreBewegungen, die dieses Ziel verfolgten, wurden durch österreichische Waffenunterdrückt, da erklärte Karl Albert von Sardinien 1848 den Krieg an Öster-reich und stellte sich damit an die Spitze der Einheitspartei. Indes erkämpfte unglücklich, auch waren die gleichzeitigen republikanischen Bewe-gungen mit seinem monarchischen Staatsbau unvereinbar, und nach dem öster-reichischen Siege bei Novara (1849) dankte er zu gunsten seines SohnesVictor Emanuel II ab. Während nun in dem übrigen Italien besondersdurch Österreich die Republikaner niedergeworfen und der alte Absolutismuswieder hergestellt wurde, stärkte sich Sardinien unter der Verwaltung Ca-vours durch liberale Reformen zu der Aufgabe, die zum Teil unreifen Ideender italienischen Patrioten in die Wirklichkeit umzusetzen, d. h. nach Ab-schüttelung der österreichischen Fremdherrschaft einen italienischen Einheits-staat zu gründen. Österreich beginnt 1859 den Krieg gegen Sardinien, dassich mit Napoleon III verbündet hat, und dem zahlreiche Freischaren unterGaribaldi Zuströmen. Die Österreicher wurden am 4. Juni bei Magenta,am 24. Juni bei Solferino von den Verbündeten geschlagen, während Ga-ribaldi am Fufse der Alpen entlang zog: Österreich trat nun im Waffenstillstandvon Villafranca und Frieden von Zürich die Lombardei (ausgenommen Pe-schiera und Mantua) an Sardinien ab, versuchte aber vergeblich durch diesenFrieden die italienischen Kleinstaaten zu retten. Denn schon hatten die Regentenvon Parma, Modena, Florenz revolutionären Erhebungen weichen müssen,und auch im Kirchenstaat waren solche ausgebrochen. Es erfolgten dieAn-nexionen auf Grund von Volksabstimmungen: dadurch wurden (März 1860)Toscana, Parma, Modena und die römischen Legationen in Sar-dinien einverleibt, während Frankreich für die geleistete Kriegshilfe (auchnach Volksabstimmung) Savoyen und Nizza erhielt. Der päpstliche Bann-'strahl war wirkungslos, vielmehr ergriff die Einheitsbewegung auch Sizilienund Neapel. Garibaldi landet am 11. Mai 1860 bei Marsala in Sizilien,bemächtigt sich als Diktator der Insel, ebenso des Königsreichs Neapelbis auf Gaeta, wohin sich Franz II zurückzieht. Zugleich besetzt ViktorEmanuel das päpstliche Umbrien und die Marken, wo auch schon Erhe-bungen erfolgt sind. Eine Volksabstimmung in all den besetzten Gebieten (21.Oktober 1860) sprach sich für Einverleibung in Sardinien aus, Garibaldilegte den Oberbefehl in die Hände des Königs nieder. Am 17. März 1861wurde Viktor Emanuel König von Italien, die italienische Einheit warhergestellt bis auf das österreichische Venetien und den durch Napoleon IIIgeschützten Rest des Kirchenstaats. Nun begannen die Bestrebungen, Romzum Mittelpunkt des neuen Staats zu machen und Italien bis zur Adria zubefreien. 1865 wird Florenz Hauptstadt, 1866 eröffnet Italien im Bündnismit Preufsen den Krieg gegen Österreich und erlangt trotz eigner Nieder-lagen infolge der preuisischen Siege die Abtretung Venetiens. Als dannNapoleon III wegen des deutschen Krieges 1870 die französischen Truppenaus Rom zog, besetzten die italienischen Truppen am 20. Sept. Rom; nacheiner Volksabstimmung wird am 9. Oktober der Kirchenstaat dem König-reich Italien einverleibt, und 1871 Rom zur Hauptstadt erhoben. Da dieSelbständigkeit von S. Marino nur den Wert einer Kuriosität beanspruchenkann, so ist damit endlich, und zwar, bezeichnend genug, schliefslich durchAufhebung des Kirchenstaates, der langersehnte national-italienische Ein-heitsstaat besiegelt. Baldamus.