Racine.
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Racine.
Johann Racine, geboren 1639 zu Ferte-Milon, zeigte schon inseiner frühem Jugend einen entschiedenen Geschmack für die Dichtkunst,Sein grösstes Vergnügen war, sich in das Dunkel und die Stille der Wälderzu verlieren, um dort ungestört die g-riechischen Tragiker zu studiren. Alssein Lehrer den griechischen Roman Theagenes und Chariklea hei ihm fand,nahm er ihm das Buch und warf es ins Feuer. Nachdem ein zweites Exem-plar dasselbe Schicksal gehabt hatte, kaufte der junge Mensch ein drittes,und nachdem er das Buch auswendig gelernt hatte, brachte er es dem Lehrerund sagte: „Sie können das auch, wie die übrigen, verbrennen.“
Seine schriftstellerische Laufbahn begann er mit einer auf die Ver-mählung Ludwigs XIV. im Jahr 1660 gedichteten Ode: La Nymphe de laSeine. Chapelain, damals der oberste Richter in Sachen des Geschmacks,den der junge Racine über seine Ode zu Rathe gezogen hatte, sprach mitColbert so vortheilhaft von der Ode und dem Dichter, dass ihm dieser Mini-ster hundert Louisd'or im Namen des Königs zuschickte, und ihm bald nachhereinen Jahrgehalt von sechshundert Livres verschaffte. Hiedurch aufgemuntert,widmete sich Racine nun ganz der dramatischen Dichtkunst. Sein Alexander(1666), welchen Corneille nicht günstig beurtheilte, fand fast allgemeinenBeifall in Paris; noch mehr Andromaclie (1668). Von jetzt an wurde Racinevon seinen Landsleuten fast durchgängig dem früher für unerreichbar gehal-tenen Corneille vorgezogen, wozu hauptsächlich seine leichtere und wohl-klingendere Versbildung, und die in seinen mehr als in Corneille’s Stückenhervorstechende Schilderung zärtlicher Liebe beitrugen. Berenice, Britanni-cus, Bajazeth, Mithridates, Iphigenia, Phädra, Athalia sind die übrigenStücke, welche Racine’s Ruhm dauernd begründeten. Im Jahr 1673 wurdeer Mitglied der französischen Akademie. Nebst Boileau wurde Racine vonLudwig XIV. aufgefordert, die Geschichte seiner Regierung zu schreiben,doch kam er in derselben nicht sonderlich weit. Frau von Maintenon ver-anlasste ihn eine Abhandlung zu schreiben, worin er Vorschläge machte, wiederNoth des hartgedrückten Volkes abgeholfen werden könnte. Ludwig XIV.fand diese Schrift bei Frau von Maintenon, und der nur an Weihrauch ge-wöhnte Despot fand sich dadurch sehr beleidigt. „Glaubt er denn alles zuverstehen,“ sagte der König, „weil er gute Verse machen kann? und weil erein guter Dichter ist, will er Minister werden?“ Frau von Maintenon liessihm sagen, er sollte bis auf weiteres nicht mehr bei Hofe erscheinen. Vondiesem Augenblicke an härmte sich der gleichsam nur in der Hofluft undköniglichen Gnade lebende Dichter ab. Er starb den 21. April 1699, nach-dem er ein Jahr noch ein kummervolles Leben hingeschleppt hatte.
Iphigenie.
Das Orakel sprach aus, die im Hafen von Aulis zurückgehaltene Flotte würde nur dann gün-stigen Wind erhalten, wenn Iphigenia, die Tochter Agamemnon«, Dianen geopfert würde. IhrVator entschliesst sich zu diesem Opfer, und lässt seine Tochter mit ihrer Mutter Klytemnestrain das griechische Lager kommen, unter dem Vorwände, sie mit Achilles zu vermählen, £rcasder vertraute Diener Agamemnons, verräth die Absicht seines Herrn Klytemnestren.