VI
Treue und Wahrhaftigkeit wird nicht angegriffenvon dem Rost der Tücke, und ein Demant von Ge-sinnung kann nicht geritzt werden durch niederesGestein!
Hättest Du keine Fehler und Schwächen ge-habt, so wärst Du kein Mensch gewesen! Alle DeineZeitgenossen übertrafen Dich an Fehlern und Schwä-chen, nicht einer an Vorzügen!
Man hat Deinen zahllosen Freunden und Ver-ehrern den Vorwurf gemacht, dass sie Dich gegensolche Unbill nicht vertheidigten, aber Deine unge-kannten Feinde konnten Dich nicht erniedrigen,der Du auf der ganzen weiten Erde von allen den-kenden Menschen gekannt und geliebt bist. Sie ver-mochten nur Weilige zu täuschen, und konnten nurihre eigene Niedrigkeit zur Schau stellen.
Du bedurftest der besonderen Vertheidigungüberhaupt nicht, denn Du bist vertheidigt durchdie Schrift, die da sagt: an ihren Werken werdetihr sie erkennen! und dann noch hinzufügt, dassman sich hüten solle vor den Wölfen in Schafs-kleidern, die ihre eigenen Satzungen für die Wahr-heit ausgeben und Jeden zerreissen möchten, derihnen nicht glaubt.
Du bist endlich auch vertheidigt durch denDichter, der alle Edeln in Schutz nimmt gegen dieUnedeln, wenn er sagt:
Es liebt die Wfflt das Strahlende zu schwärzen
Und das Erhab’ne in den Staub zu ziehn;
Doch fürchte nicht, es giebt noch bess’re Herzen,
Die für das Hohe, Himmlische erglühn!
J. J. Baeyer.