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Ueber die Grösse und Figur der Erde : eine Denkschrift zur Begründung einer mittel-europäischen Gradmessung nebst einer Uebersichtskarte / von J.J. Baeyer
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§. 1. Breitengradmessungen.

Resultate seiner Messung (er fand die Länge eines Grades 57060 Toisen) dienten den Newtonisehen Arbeiten überdie allgemeine Schwere zur Grundlage, und waren die Ver-anlassung, dass Newton seine 1666 angefangenen, aber wie-der abgebrochenen Untersuchungen 1676 ernstlicher wiederaufnahm, und nun die grosse Entdeckung seines allgemeinenGravitationsgesetzes glücklich vollendete.

Die allgemeine und energische Verfolgung einer wis-senschaftlichen Frage wirkt stets productiv nach verschie-denen anderen Richtungen, und so sehen wir auch hierschon die Gradmessungen, deren ursprüngliches Ziel Be-stimmung der Figur und Grösse der Erde war, in naherVerbindung mit der wichtigsten Entdeckung, die je demmenschlichen Geiste gelungen ist, die weit von der Erdehinweg, hinauf zur Ergründung der Bewegungen der Him-melskörper, zur Mechanik des Himmels, führte unddie zugleich eine reichhaltige Quelle vieler nachfolgendenmathematisch-physikalischen Entdeckungen wurde, und so-gar, höchst unerwartet, auf . einem ganz anderen Wege eineLösung der Frage über die Figur *der Erde herbeiführte.Richer hatte nämlich 1672 in Cayenne die Verkürzung desSecundenpendels gegen Paris beobachtet. Iiuygens undNewton erklärten diese Erscheinung als eine Folge derdurch die Rotation der Erde erzeugten Schwungkraft, undNewton bewies nun aus der Schwere und Schwungkraft,nach reinen Principien der Mechanik, dass die Erde einan den Polen abgeplattetes Rotationssphäroid seinmüsse. Das Gravitationsgesetz hatte aber damals noch soviele Widersacher, dass dieser Beweis sich keineswegs all-gemeinen Eingang verschaffen konnte.

Diese Ergebnisse waren aber nicht der einzige Gewinn,der aus den Gradmessungen gezogen wurde. Picard er-kannte zugleich auch, dass die neue Methode sich zur Ent-wertung einer genauen Karte von Frankreich vorzüglicheigene, und legte der Akademie einen Entwurf vor, die