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Ueber die Grösse und Figur der Erde : eine Denkschrift zur Begründung einer mittel-europäischen Gradmessung nebst einer Uebersichtskarte / von J.J. Baeyer
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37
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§. 4. Abplattung der Erde aus den Mondsgleichungen. 37

Unter den vielen Fragen nach den Bewegungen inunserem Sonnensystem, die in der Mechanik des Himmelsbeantwortet werden, giebt es vorzugsweise zwei, die hiernicht übergangen werden dürfen, weil sie mit den Grad-messungen in Verbindung stehen, nämlich

1) Bleibt die Lage der Erdaxe und damit die Polhöheeines Ortes unverändert, oder verändert sie sich mitder Zeit?

2) Ist die Zeit einer Umdrehung der Erde um ihre Axeimmer gleich gross gewesen, oder hat sie sich ge-ändert?

Die erste Frage wird im 11. Buche behandelt und ge-zeigt, dass seit der Zeit, wo die Instrumente durch dieAnwendung der Fernröhre so vervollkommnet wurden, dassman zuverlässige Beobachtungen machen konnte, sich ausdiesen keine Veränderlichkeit der terrestrischen Breitenauffinden lässt. Dasselbe gilt bei der grossen Vervoll-kommnung der Instrumente noch heute, wenigstens hat bisjetzt noch keine Veränderung der Polhöhe eines Ortesnachgewiesen werden können. Wir sind daher vorläufignoch zu der Annahme berechtigt, dass die Lage der Erd-axe unveränderlich sei, d. h. seitdem die äussere Schale derErde fest ist, muss ihre Axe stets durch dieselben Punkteder Oberfläche gegangen sein, durch die sie gegenwärtignoch geht.

Hinsichtlich der zweiten Frage wird im 5. Buche be-wiesen, dass die Aenderung der Rotationsdauer der Erdeim Allgemeinen so unmerklich sei, dass man diese Bewe-gung als gleichförmig ansehen könne. Da man aber an-nimmt, dass die feste Erdrinde durch Abkühlung entstandensei; eine Verminderung der Temperatur aber nothwendigdie Rotationsgeschwindigkeit vermehren muss, so wird im11. Buche gezeigt, dass eine Temperatur-Verminderung derErde um einen Centigrad, die Dauer des Tages, oder dieeiner Umdrehung, noch nicht um Secunde vergrössert.