133
lkche Kühnheit. Sie schlug sich, unter einem nervenschneiden-ben Geschrei, mit beiden Händen vor die Stirne, ließ dieArme sinken, bebte erstarrend zurück, und im Auge wartrostentsagende, todtgcweihte Verzweiflung. — Wir zittertenbleich um sie her, als wären wir mit zum Tode verurtheilt.Dieser Zug wirkte, wie Ihr Spiel, mein Freund, im Ham-let, oder Makbeth. Es war eben die Grabesstille des Hau-ses, und überall, im Paterre und den Logen, erblickte manfestgeheftete, verzogne Menschengestalten.
Die Kunst zu sterben ist auf der Bühne, wie in demLeben, schwer. Ich höre zuweilen ein Heldcngewimmer, daSBauchgrimmen anzuzeigen scheint; hier drängen sich stöh-nende Seufzer a»S hoher strebender Brust, fremde Tonartklang in der Stimme, und das fliehende Leben weilte zuckendauf der Unterlippe.
Alle Fremde spotten gern über den französischen Thea-teranstand. Man findet darin eine taktrichtigc, widernatür-liche Zierlichkeit, eine hochtrabende Menuetten-Manier, dieauf den Tanzboden gehört. Allerdings übertreiben sie, fürden nördlichen Geschmack, Stellung, Gang und Deklama-tion; aber man überlegte nicht, daß sie nicht für uns, son-dern für ihre Landsleute, spielen. Jedes Volk ist gewohnt,durch ein eigenes Medium zu sehen; man täuscht und rührtuns nur, wenn man die Vorstellung in unsere Sehwinkelstellt, und unsern Sitten näher bringt. Vollkommene Wahr-heit alter oder ausländischer Sitten wird, weder von demDichter, noch dem Schauspieler, erreicht; sie ist auch zufremd für unsere Empfindung. Eine karthagische Prinzessin,wie sie vielleicht damals halbnackend durch die Felder strich,würde in unserm Zeitalter nirgends gefallen, und Shake-speare kannte sein Publikum, als er Römer und Dänen zu