Band 
Erster Theil.
Seite
16
JPEG-Download
 

I«

Der Brief.

Unter diesen trostlosen Betrachtungen hatte ich mich an-gekleidet. Da ward gepocht. Der Briefträger trat herein.Ein dicker Brief; er kostete mich fünf Groschen. SchwereAusgabe für eine fast zum Boden leere theologische Kasse!

Ich warf mich gemächlich auf meinen Strohsessel hin,um ein Viertelstündchen aus Adresse und Siegel den Schrei-ber zu errathen. Das thue ich immer gern, um meine Rea-gier zu bekämpfen; nebenbei auch, mich am Spiele schönerHoffnungen zu ergötzen, deren Erfüllung mir aus dem Briefeentgegen steigen könnte. Die Frage war, ob ihn öffnen,oder das Lesen bis morgen verschieben? — Denn heute warmein Geburtstag, und an einem Geburtstag mochte ich keine,vielleicht üble Nachricht lesen. Sie wäre mir schlimmeVorbedeutung für'S ganze Jahr gewesen. Man ist aber-gläubisch, wenn man unglücklich ist, trotz aller Freigeistereinebenbei.

Ich zog das Loos. Es entschied fürNichtentsiegeln.Böses Zeichen! — „Nein, dem Schicksal Trotz geboten, unddie abergläubische Furcht verbannt!" flüsterte meine Neu-gier im Panzerrock des Heldenmuthes. — Weg war da»Siegel, und ich las — las, und meine Augen wurden vonThränen dunkel. — Ich mußte den Brief weglegen, um michzu fassen. Ich las ihn wieder — o ewige Vorsehung, oFriederike! — Ich warf den Brief hin und wich auf dieKniee, und beugte meine Stirn auf den Erdboden nieder,und weinte die ersten Thränen des Entzückens in meinem Le-