87
Selbstranzionirurig.
Den folgenden Tag wurden die Kriegsgefangenen nachFrankfurt an der Oder geführt. Ich kannte die liebeStadt recht gut, und auch ich hatte die Ehre, vielen Wal-kern Leuten dort bekannt zu seyn. Doch schien mir dieseEhre eins der überflüssigsten Güter meines Lebens, weil ichdadurch um's Leben selbst kommen konnte. Denn gesetzt,ein ehrlicher Frankfurter wäre aus der Hausthür hervorgesprungen, hätte den Generaladjutanten als seinen liebenDoktor begrüßt, hätte meinen Krieges- und Siegesliedernnachgefragt-
Als der Zug unter's Thor kam — o wie schlug mir daSHerz! — drückte ich mir den großen Offiziershut tief in dieAugen, und die Nase schob ich, nach damaliger Stutzer-mode, tief hinab in's dicke Halstuch. Ich schämte mich, indie wohlbekannte Stadt wie ein Verbrecher unter Gefange-nen einherznziehen; und Verbrecher war ich doch wohl ein we-nig, denn ich war auch ein wenig Betrüger und Anmaßervon militärischen Würden, die mir nicht gehörten.
Ein Troß von neugierige» Gaffern umschwärmte unSunaufhörlich — ach nein! ich will die guten Leute so hartnicht nennen. Sie kamen auch wohl aus Mitleiden, oderaus Begierde, irgend einen Freund, einen theuern Anver-wandte« unter uns zu finden. Obschon der Abend däm-merte, verbarg ich mich doch im dicksten Haufen meiner zer-lumpten Schicksalsgefährten, die alle mit offenem Antlitz