Buch 
Anthologie aus den Werken von Ernst Schulze
Seite
75
JPEG-Download
 

73

Nein, «in reizender Traum umgaukelte sicher die Stirn dir,

Führt' in ein Feeugefild deinen entfesselten Geist,

Kränzte dein Haupt mit den Blüthe» des Mai's und wiegte

behende

Auf hellblauem Gewölk über die Erde dich hin.

Früh schon sitzest du dort mir gegenüber am Fenster;

Zwar ist schmachtend dein Blick, aber doch heiter und mild,

Sinnend lehnst auf die zierliche Hand du Las lockige Köpf-chen;

Zählst du, Schelmin, vielleicht deine Gefangenen nach,

Die du bei'm fröhlichen Fest mit dem siegenden Zauber der

Blicke

Und mit des Geistes Gewalt dir in die Netze gescheucht?

Ach, ich war dir ein Thor, dem frevelnden Wahne zu folgen,

Welcher die Ruhe der Nacht, welcher die Träume mir

nahm.

Untreu wähnet' ich dich, und ich zürnt' aufgrollend dem Her-zen,

Daß es aus deiner Gewalt nimmer zu fliehen vermag.

Unglückseliger, konntest du so dem eigenen Glücke

Gram seyn? konntest du so wünschen den eigenen Tod?

Stets war grauendes Dunkel der Freund tiefbrütenden Trüb-sinns,

Auf dem Gewölke der Nacht wiegte die Trauer sich stets;

Doch der erglühende Lag verbannt die Verhaßte zum Orkus,

Und Aurorens Gespann leitet ein fröhlicher Geist.

Doch nicht blos die Natur, auch du gebietest der Dämm-

rung,

Und ätherisches Licht folget dir, Zauberin, gern.

Bin ich dir fern, ist schwarz mir die Sonn' und dunkel der

Erdkreis,

Doch dein lächelnder Blick füllet mit Strahlen die Nacht. ^