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Spaziergänge in den Alpen : Wanderstudien und Plaudereien / von Jos. Vict. Widmann
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35
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prächtigen Fayade des großen Gebäudes und außer dem schonerwähnten Bilde Napoleons ist mir indessen hier Nichts besondersbemerkenswerth vorgekommen. Auch das Hinuntersteigen nach demDorfe Simplon ist ohne Reiz. Ich übernachtete bei dem freund-lichen Ehepaare, das im Hotel Fletschhorn gegen mäßige Preiseseine Gastfreundschaft ausübt; die Kälte war hier so groß esging ein häßlicher Sturmwind bei Hellem Himmel daß mirtrotz dem Kaminfeuer die Gedanken einfroren und ich zu einerAbendstunde das Bett aufsuchte, wo in der Ebene manchmal selbstHühner noch munter sind. Schrecklich ist in diesem Gasthause bloßein sehr gutes Harmonium, das natürlich von durchziehendenWanderern, die hier rasch eine Erquickung nehmen, unter er-schwerenden Umständen gespielt wird; Manche versuchen ihm einenWalzer abzuquetschen, Andere geben sich der religiösen Stimmungeines Chorals hin, wissen aber mit dem Expressivregister und demBlasebalg nicht auszukommen und so entsteht bei den schreiendstarken Tönen des unseligen Instrumentes selbst im besten Fallefür die unfreiwilligen Zuhörer eine starke Tortur, die uns bedauernläßt, daß gerade damals keine Lawine vorräthig war, als diesertönende Kasten mußte auf den hohen Berg geschleppt werden.

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Zu meinen schönsten Reiseerinnerungen zähle ich das Hinab-steigen vom Simplonpasse. Ich will nicht von den kunstvollenGalerien auf der Südseite des Berges reden, nicht von allenden Wasserfällen rechts und links, obschon einer dabei ist, dersanft und breit wie ein riesiges Silberband über die Fluh hinab-gleitet und unten an den Felsen eine natürliche Badewanne füllt,deren Diana und ihre Nymphen sich nicht zu schämen brauchtenwovon ich aber sprechen will, das ist die immer üppiger sich vor-drängende Vegetation, die mehr und mehr der Landschaft zu demalpinen Charakter die Reize südlicher Zonen verleiht. Schon stehen