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Dorfgemeinde, in der er ein Haus bewohnte hatte, wo auch MeraSassulitsch gelegentlich residirte. Nur Worte des Lobes hatten dieEinwohner für ihn und ein Mailänder versicherte mich, die ganzeBevölkerung habe geweint, als Gaffiero in Folge der AusweisungAbschied nehmen mußte.
Bevor ich den Kanton Tessin verließ, wollte ich mir einmaleines der seltener besuchten Seitenthäler ansehen und wählte dasMaggiathal, das ich bis nach Bignasco auf eiliger Fahrt imoffenen Einspänner „absolvirte." Beiläufig bemerkt: Wenn manauf der bei dem Dorfe Avegno etwas engen Straße mit demPostwagen zusammenstößt und wenn dabei dem eigenen Fuhrwerkdie Vorderräder zertrümmert werden, so daß das -scheu gewordenePferd die Stränge zerreißt, die Deichselstange zerbricht und, denKutscher am Leitseil schleifend, rasend davonjagt, so ist sehr an-genehm und fast von der Wirkung eines die Nerven beschwichtigendenBrausepulvers, einen „malerischen" Freund neben sich zu haben,der ruhig auf dem Fragment der Chaise sitzen bleibt, sein Skizzen-buch hervorzieht und die nächste Umgebung der Katastrophe sofortartig abkonterfeit. Ilxpsrio ersäits Kupsrto!
Bignasco ist ein tessinisches Lauterbrunnen , nur daß Kastanien-waldungen und Weingärten sich mit den Produkten des alpinenKlimas ebenso berühren, wie in den Bewohnern der Typus desAelplers mit dem des Italieners auf eigenthümliche Weise sichverschmolzen hat. Die Weibspersonen — ich kann nicht gut einanderes Wort hier wählen — tragen in diesem Thäte eine grauen-haft geschmacklose Tracht, die ihrer Gestalt etwas Bärenmäßigesgibt. Ihr Kleid hat nämlich keine Taille, oder, wenn man will,die Taille geht um den Hals herum, während in der ganzenWelt die Frauenkleidung sonst unterm Busen — bald tiefer, baldhöher, darauf kommt es nicht an — gegürtet ist. Zum Kirchganglegen die Frauen große weiße Tücher an, so daß eine andächtigeVersammlung aussieht, als wären lauter Nonnen beisammen. So