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Pferde gefallen und augenblicklich todt geblieben, wie ein melan-cholischer Gedenkstein meldet.
Beim Abstieg gegen Grindelwald mußte ich über zwei Kinderlachen, die aus einer schmutzigen Hütte hervorstürzten, als sie meineransichtig wurden, um mir das Uhlandsche Lied: „Bei einemWirthe wundermild" nach einer grauenvollen Melodie vorzu-quietschen. Die Pointe des Gedichtes ist bekanntlich die, daß derWirth, der gute Apfelbaum, für seine Bewirthung keine Bezahlungverlangt hatte. Hier wurde also zum allereigennützigsten Zwecke,der Ausbeutung des Wanderers, das Lied der Verherrlichung deruneigennützigen Gastfreundschaft benützt. Ich machte einige päda-gogische Bemühungen, dies den Kindern auseinanderzusetzen.Schwerlich haben sie's gefaßt, sie sahen unsäglich dumm undstruppig und ungewaschen aus.
Von Almosen, die man gibt, soll man nicht sprechen. Abervon Almosen, die man nicht gegeben hat, darf man plaudern.Und selten hat mich meine Hartherzigkeit so gefreut, wie, weiterunten am Berge, gegenüber einem Krüppel, der hier seine Wege-lagerei ganz systematisch betreibt. Vor seiner Hütte hat er einenPfahl aufgepflanzt mit einer in französischer, englischer und deutscherSprache ausgeführten Inschrift, in welcher er seine Erwerbsunfähig-keit auseinandersetzt und die Beisteuer der Vorüberreisenden inAnspruch nimmt. Er sitzt auf einer Bank und plaudert und rauchtrecht gemüthlich mit ein paar Sennen, die ihm Gesellschaft leisten.Plötzlich erblickt er den Wanderer. Die Pfeife verschwindet. Auchdie heitere Miene verschwindet. Die Glieder, welche vorher ganzmunter gestikulirten, scheinen auf einmal zu erstarren und nurmühsam schleppt sich der arme brave Mann, zweier Stöcke sichbedienend, bis an den Pfahl heran, wo er das gottserbärmlichsteGesicht schneidet, den Hut abzieht und bettelt. Ich ging mitleidslosvorüber, was denn bewirkte, daß in das scheinheilige Schafsgesichtetwas mehr Energie kam. Als ich bald darauf einem wackern