Buch 
Genius Ernst Wagner's
Seite
24
JPEG-Download
 

Traurig war es für die Staaten, baß mit der höher ge-stiegenen Kultur der Sittenverfall eintreten mußte. Aberden verderblichsten Charakter trägt doch in dieser Rücksicht diegegenwärtige Zeit, in welcher die Aufklärung zurRaserei geworden ist. Ach, alle himmlischen Keime, welchedie Besserung in stiller Verborgenheit noch Hervortrieb, wer-den nun im Heeresstrome der Zügellosigkeit mit fortgerissen,seitdem der Spott über das Ehrwürdige pragmatischgeworden ist, und die nackte Frechheit öffentlich umherläuft.Ja, die Sünde hat sich auf ihren Märkten gelagert, und esgibt nichts Geweihtes mehr. Denn die Spötter hohn-lächeln im Tempel, und gemeine Narren haben das ehrwür-dige Siegel der Mysterien erbrochen!

Der Mann, welcher nicht zu dulden vermag, wie einedles Weib, wird nie kräftiger handeln als ein Weib.

Die erwachsene Jugend muß nur insgeheim ge-tadelt, das Kind dagegen nicht öffentlich in seinemBeiseyn gelobt werden. Gewöhnlich aber erziehen wir durchöffentliches Lob den Knaben zum heuchlerischen oder frechen, oder durch allzuvielen Tadel unter vier Augen zum scheuenoder furchtsamen Jüngling. Insbesondere ist es einer unsrerhäufigsten und größten Erziehungsfehler, daß wir unsre Kin-der in der Stille häuslicher Existenz zu wenig lieben undloben. Gegen Andere mußt du in Beurtheilung deines eig-nen Kindes streng und gereckt seyn, damit diesem die öffent-liche Meinung achtungswerth, unumgänglich und unerbittlich