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.„schiedene Eisenbahnpolitik hat zugleich den werth vollen Er-folg gehabt, daß Deutschland sich eines gemischten„Staats-und Privatbahnsystems erfreut*), welches
*) Wir glauben, auch hier eine Bemerkung beifügen zu sollen. Es ist leidernicht in Abrede zu ziehen, daß wenige deutsche Staaten in Beziehung auf dieFrage: ob Staats- oder Privatbahnen? folgerichtig verfahren sind, und daß selbstsolche, welche im Wesentlichen das System befolgt haben, dieses wichtige Verkehrs-mittel nicht aus den Händen der staatsbürgerlichen Gesellschaft in die der Privat-interessen zu geben, sich durch irgend welche Rücksichten oder Einflüsse haben ver-leiten lassen, einzelne Privatbahnen, mit oder ohne Staatsbetrieb, zuzugeben. Wirglauben nicht zu irren, wenn wir sagen, daß sie es zum Theil schon bitter zu be-reuen hatten, und daß gewisse solche Concessionen heute von den betreffenden Staa-ten nicht mehr ertheilt werden würden, wenn es nicht schon geschehen wäre. Abervon einem „gemischten Staats- und Privatbahn s y st e m Deutschlands"kann doch in der That mit Grund nicht die Rede sein. Deutschland hat ja in dieserHinsicht nicht als Ganzes verfügt und die einzelnen Staaten sind darin ganz ver-schieden verfahren. Aber auch in den einzelnen Staaten war es nicht Grundsatz,sondern theils Mangel an Grundsätzen, theils Wechsel der Ansichten, hervorgegangenaus gemachten Erfahrungen, aus Personenwechsel oder aus Erwägungsgründenund Einflüssen der verschiedensten Art, welche einen Misch-Masch von Staats- undPrivatbahnen hervorgebracht haben. Auch in Preußen ist die Mischung von Staats-und Privatbahnen erweislich nicht aus einem System, sondern aus einem Wechselvon Systemen entstanden. Der Vorgang Englands und Nordamerika's und derMangel an Erfahrungen auf dem Gebiete dieses neuen Verkehrsmittels hatten zurFolge, daß man Anfangs auch in Deutschland nur an Privatbahnen dachte, undso hatte Preußen Anfangs das System, Eisenbahnen nicht von Staatswegen anzu-legen und zu betreiben. Dieses System wurde in dem Gesetze von 1838 verkörpert.Da die norddeutsche Tiefebene durch ihre Fläche, die Leichtigkeit des Bodens, dieWohlfeilheit des Terrains, die geringen Löhne, das geringe Erforderniß an Kunst-bauten einen äußerst wohlfeilen Bau gestattete, und da die Privatspekulation sichnatürlich zuerst auf die besten Linien warf, so ergaben sich diese und rentiren sichheute noch für die Privaiinteressen als sehr vortheilhaste Bahnen. Daß diese Bah-nen in den Händen des Staates diesem einen hohen Ertrag gewährt und gestattethätten, die Steuerpflichtigen entweder durch Herabsetzung der Steuern oder durchErmäßigung der Eisenbahntarife entsprechend zu erleichtern, und daß daher dieUeberlassung dieser Bahnen an Privaiinteressen ein großer staats- und volkswirth-schaftlicher Fehler war, dies dürfte jetzt wenigstens vielseitig erkannt sein. Als nachund nach minder günstige Linien in Betrachtung kamen, so wurden Staatsuntsr-stützungen und namentlich Zinsengarantien bewilligt. Da aber allmälig die natür-liche Erwägung sich aufdrang, daß der Staat nicht nöthig habe, gute Linien derSpekulation anheimzugeben, und daß er besser thue, Linien von zweifelhafter Ren-