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Historisch-encyklopädischer Grundriss der Landwirthschaftslehre / von Dr. Fraas
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Dir Landwirthschaft.

Veterinärweferr.

Nicht wenig ist's, was die alte Geschichte der Landwirthschaft von demStreben griechischer und römischer Thierärzte, ihre Kunst Wissenschaftich zu be-gründen oder jedenfalls durch Erfahrungen möglichst zu bereichern, erzählt.Hatten ja doch die ersten anatomischen Arbeiten der Menschenärzte sich zunächstnur an Thierkörpcr gewagt und eine freilich nur schwache vergleichende Zootomieund speculative comparative Anatomie war nicht das Geringste, was von ihnenhierin zu Tage gefördert ward. Daß auch Acgyptcn im Veterinär-Wesen Kennt-nisse gehabt haben müsse, ist kaum zu bezweifeln; aber solche Untersuchungensollen uns hier nicht beschäftigen und näher liegt uns, die Wurzel europäisch-abendländischer Thierheilkunde zu erforschen und ihre Entwickelung in wenigenUmrissen zu zeichnen.

Es ist schon oben von uns angedeutet worden, daß in den ersten Anfängendes Mittelalters bereits dem Gestütwesen viele Sorgfalt gewidmet wurde undda Inzucht mehr ihrer natürlichen Strebung nahe lag^ wohl mit bessern: Erfolge,als seit die Theorie maßlose Kreuzungen auf's Tapet gebracht hat. Die stn-lmlsrü und poloärsrii (Stall- und Fohlenhüter), peousrii und nrinentarü desMittelalters waren die einzigen Pfleger der Thierheilkunde noch im 16. Jahr-hunderte, wo doch schon Marx Fugger über Gestütcrei schrieb (1586). Nochälter ist Camerarius und I. Herr (1572). Wie sie ihr Gewerbe betriebenund welches Haufwerk von Thorheiten in Deutung und Recept sie der nächstenZeit hinterließen, ist in den Schriften selbst des 17. Jahrhunderts noch häufigzu lesen, selbst Florinus gibt im Anfange des 18. Jahrunderts noch durch desMylins Recepte Zeugschaft davon, wenn auch nicht geraspeltes Galgenholz,Hexcnrauch und .... als Ingredienzen noch heutigen Tages die Zeiten ver-riethen, wo der Name und die Bedeutung des WortesRoßcur" ihren Ur-sprung nahm.

Erst als im 18. Jahrhunderte ausgedehnte Kriege und die zunehmendeBevölkerung der Viehzucht mehr Sorgfalt zu widmen empfahlen, als eben damalsgerade noch verheerende Viehseuchen den Verlust doppelt empfindlich, ja Ansteckungder Menschen die Sache selbst hochgefährlich machten, begann die Menschcn-Medicinzunächst diese wichtige Angelegenheit vor ihr Forum zu ziehen, insbesondere daauch die Wichtigkeit solcher Untersuchungen für vergleichende Anatomie undPhysiologie klar vor Augen lag.

Bourgelat in Frankreich, Abildgaard in Dänemark, Erxleben undHang in Deutschland publicirten nun ihre Schriften und legten den Grundsteinzu dem nun langsam sich hebenden Gebäude der Veterinär-Wissenschaft. Anden langsamen Fortschritte» waren nnd sind selbst jetzt noch die großen Gegensätzemit Schuld, die zwischen der gemeinen Praxis und den hochgebildeten Lehrerndieser Wissenschaft bestehen. Aus der Reihe der humanistisch prangenden Men-schen-Medicin tritt mit abschreckendem Uebermaße von Gelehrsamkeit einerseits derTheoretiker ihnen entgegen, von der Weide weg der Hirt oder hinter dem Amboßhervor der Schmied, am Häufigsten aus seiner üblen Wcrkstätte der Abdecker,ebenso reich an wunderlichem Receptenkram und kühnen Operationen mit oft über-raschenden Erfolgen, wie arm an rationellen Erklärungsgründen; beide sichbekämpfend, wie sonst auch der graduirte Promotus und der rastlose Bader, derEine hinter dem Schilde der Autorität, der Andere hinter jenem praktischen Er-folges. Der Hufschmied ist dem Veterinär, was der Bader dem Mcnschcnarzteund praktische, hochstehende Veterinäre versäumten nicht, gleich über Hufbeschlag-kunst zuerst zu schreiben und an der Wurzel die Triebkraft zu fördern. S»