Band 
Erster Band.
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Bilder aus Rußland.

ist, als der Westeuropäer. Ob die religiöse Toleranz, die in derThat in keinem andern Lande so groß ist, als in Rußland, von derUnkenntniß aller positiven Religion oder von dem Charakter der Rus-sen, oder von dem Geiste ihrer Verfassung, oder endlich von dervölligen Nichtachtung, in welcher die niedere Geistlichkeit bei demVolke steht, und von dem daraus entstehenden Mangel eines geistlichenespr-it äs oorps herrühre, wollen wir hier nicht untersuchen. Es genügeuns zu wissen, daß diese allerdings sehr schöne Tugend, deren Abwe-senheit in so vielen andern christlichen Ländern ganze Ströme vonMenschenblut gekostet hat, hier in einem Grade angetroffen wird, derkaum einer Steigerung mehr fähig ist. Fremde Beamte, die ausdem Auslande berufen, und vor ihrer Anstellung über viele Umständebefragt werden, selbst Lehrer und Professoren, die doch durch ihrGeschäft unmittelbar auf die geistliche, also auch religiöse Erziehungdes Volkes einwirken, werden in dieser Beziehung alle für gleich ge-halten, und nie wird einer derselben von der Regierung um die Re-ligion befragt, zu welcher er sich bekennt, da man diese Angelegenheitdem Gewissen eines jeden überläßt. Obschon die morgenländisch-griechische Kirche die Hof- und Staatsrcligion ist, so herrscht dochhinsichtlich aller Religionen die vollkommenste Gewissensfreiheit. Auchwohnen in diesem Lande Christen und Juden, Türken und Heiden,Fetisch- und Götzendiener ruhig unter einander. NeligionSverfolgung,Inquisition, Bluthochzeitcn, sicilianische Vespern, Krcuzzüge und Be-kehrungssucht sind hier ganz unbekannte Dinge. Niemand wird seinesGlaubens wegen in seinen bürgerlichen Rechten gekränkt, oder vonStaatöämtern ausgeschlossen. In der Armee und in den ersten Civil-stellen steht man Männer, die, tatarischen Ursprungs, noch der moha-medanischen Religion zugethan sind. Auch fällt es keinem Russen ein,sich darauf etwas zu Gute zu thun, daß er im Schooße der herr-schenden Kirche geboren ist. Unzählige fremde Kirchen umgeben inPetersburg und Moskau die herrschende Metropolitankirche, wie lie-bende Kinder ihre schützende Mutter, und in friedlicher Eintrachtwohnt der orthodoxe Russe mit dem gläubigen Mohamedaner, undder heidnische Tschuwasche mit seinem zur christlichen Kirche über-gegangenen Bruder in einer Hütte zusammen. Ein russischer Generalerzählte, der bekannte Sir Robert Wilson, der beim Besuchen einesVorpostens die Soldaten beim Essen fand, fragte jeden nach seinerReligion, wo denn ein sehr sonderbares Gemische aller Glaubens-bekenntnisse zum Vorschein kam. Als er zu dem letzten kam, dessen