367
Körte, Wolf's Leben und Studien.
den Alten ganz unbekannt war, und die schon unendlichen Schadengestiftet hat.
Einer seiner Schüler brachte ihm eine kurzgefaßte griechischeGrammatik, wo beinahe alles aus den Vorlesungen Wolf's genom-men war, und bat ihn um Erlaubniß, sie herauszugeben. Wolfgab sie ihm mit Vergnügen, nachdem er zuerst einige Kapitel derSchrift ganz umgearbeitet hatte. Wolf's Name sollte in dem Buchenicht genannt werden; dafür gab er eine anonyme Vorrede dazu, inwelcher er sagte, es gehöre zu den Eigenthümlichkeiten unseres Zeit-alters, daß, so wie die Moralsysteme sich immer mehr vervollkommnen,die Moral fast ganz aus der Welt gehe, und daß, so wie die grie-chischen Grammatiken immer besser werden, die Knaben immer weni-ger griechisch lernen. — Daß einer Wolf's Vorlesungen drucken ließ,ohne seiner zu erwähnen, was sehr oft geschah, schien er ganz gutzu leiden; aber er konnte sehr böse werden, wenn der PlagiariuS,auch nur an einigen Stellen, den wahren Autor citirte.
Da Wolf, wie gesagt, nur Lehrer, nicht Schriftsteller seynwollte, so haben beinahe alle seine Schriften ihre Entstehung nur demZufalle zu verdanken, und deßhalb blieben auch viele derselben un-vollendet. Nie hat er eine seiner Druckschriften vom Anfang bis zuEnde durchgearbeitet, sondern immer dabei Nebenwege eingeschlagen,und verwandte Nachsuchungen angestellt, gleichsam zur Erholung beilangwierigen Arbeiten. Dieß veranlaßte oft gewaltige Anstrengungenund Ueberladung des Gedächtnisses. Bei Untersuchungen, wo Verglei-chung vieler Stellen nöthig war, bediente er sich eines Doppelpults,wo vier Folianten und sechs Quartanten neben einander zugleich daöBlatt zeigten, welches gebraucht werden sollte.
1789 gab er die Rede des DemostheneS näversub I.eplinem her-aus. In der Vorrede dazu sagt er, daß er gern eine Ausgabe dersämmtlichen Werke dieses Redners besorgen möchte, da er bisher sosehr vernachläßigt worden sey. DemostheneS gehörte zu denjenigen altenSchriftstellern, die zwap von Vielen nach Hörensagen gepriesen, abernur von den Wenigsten gelesen und gekannt werden. Für die Schu-len sey er übrigens nicht, wie überhaupt keiner von den Classikern,der große Sachkenntniß erfordert. Nichts sey dem früheren Alterschädlicher, als Lehren ohne genaues Verständniß; deshalb der Lehr-kurS in den Schulen eher zu beschränken, als zu erweitern sey. DieJugend müsse mehr zu sich selbst kommen und lieber einiges gar nichtwissen, als überall sich im Dunkeln befinden. — Im Jahre 1790