Ritter's Geschichte der Philosophie. 11
gemischt oder geschieden. Was wir Werden nennen, heiße nur Mi-schen, und waö wir Vergehen nennen, sey. nur Scheiden. Durch die-ses Mischen und Scheiden aber werden die Dinge weder mehr nochweniger, da eS unmöglich ist, daß mehr sey, als alle Dinge, und daalle Dinge immer von gleicher Zahl bleiben muffen. Vor der Welt-bildung war daher alles in einem Zustande der Mischung, aus un-endlich kleinen Elementen oder Samen der Dinge bestehend. Diese Masseder Elemente war die Einheit, und in allen später entstandenen Dingenist ein Theil dieser Einheit und Alles ist in Allem. Die Ursamenaller Dinge sind bewegungslos und der Geist bringt in ihnen
Bewegung und Schönheit hervor. So war der erste, der den Geistals Gegensatz der den Raum erfüllenden Masse mit Bestimmtheiterklärte, und dadurch wurde er gleichsam der WendungSpnnkt in derGeschichte der Philosophie, da von nun an alle anderen diese Ideenicht nur festzuhalten, sondern auch weiter auszubilden suchten. Dochstellte er in diesem die Materie belebenden und ordnenden Geiste nochnicht den Grund alles SeynS in der Welt auf, sondern betrachteteihn nur gleichsam als Werkzeug für die Weltbildung.
PythagoraS war zu Samos gegen 585 vor Chr. geboren.Was wir von seinem äußeren Leben wissen, ist in mythisches Dunkelgehüllt. Diejenigen Schriftsteller, welche unö Nachrichten von ihmmittheilen, wie PorphyriuS, JamblichuS u. a. sind sämmtlich viel zuspät nach ihm gekommen. Allgemein wird er zu den ausgezeichnetstenBegründern der wissenschaftlichen Mathematik gezählt. Sie war, sowie die sittliche Erziehung des Menschen und die Gymnastik oderdie Erziehung des Körpers, ein Haupttheil seiner Lehre. DieUeberlieferung zeigt ihn unS aber nicht sowohl alö einen Philo-sophen, sondern vielmehr als einen Wunderthäter, einen Propheten,einen heiligen, von den Göttern geliebten Mann. Der eine machtihn zu einem Sohn Apollos, der andere gibt ihm einen goldenenSchenkel, ein dritter läßt ferne Scythen auf goldenen Pfeilen zu ihmfliegen, mit Göttern umgehen, mit Thieren sprechen, die Musik derSphären verstehen u. s. w. Der Verfasser gibt als sehr wahrschein-lich zu, daß PythagoraS in Acgypten gewesen sey, aber nicht, daßer die Geheimnisse der ägyptischen Priester daselbst kennen gelernthabe; vielmehr soll er alles aus sich selbst und von seinen griechischenVorgängern erhalten haben. Mit ihm fängt eigentlich das Geheim-thun der griechischen Philosophen an. Er pflanzte besonders seinereligiösen Ansichten in einer geheimen Lehre, mittels der Orgien, fort,