Ritter's Geschichte der Philosophie. 51
les und die Stoa betrachtet werden. In dem kühnen, zuweilenphantastischen Fluge Plato'S, den der oben erwähnte Panätiuömit Recht den Homer der Philosophie nannte, offenbare sich gleichsamnoch der jugendlich aufstrebende Sinn der Wissenschaft. Plato lebtmehr in der Zukunft, als in der Gegenwart; er zehrt von seinenIdeen und ist voll guter Hoffnung. Der männlichere Geist desStagiriten schreitet dagegen fest und sicher in die Tiefe der Erkenntnißhinab; weggewendet von den poetischen Träumen der Jugend kehrt erseinen Blick der Wirklichkeit zu, und findet sie lange nicht so schönund vollkommen, als sein Vorgänger sie sich ausgemalt hatte; dochsucht er zugleich sich mit dieser Wirklichkeit, so gut es eben gehenwill, abzufinden. Fast grämlich, wie das Alter, das seinen festenStand nicht finden und behaupten kann, ja beinahe mit dem Schicksalehadernd und dem Menschen feindlich entgegentretend, spricht sich dieLehre der Stoiker aus. Nach Plato sind die Menschen glücklicheWesen, die einer immer höheren Glückseligkeit entgegen gehen; nachAristoteles sind sie sehr mittelmäßige Geschöpfe, die nichts Besseresthun können, als sich mit dieser Mittelmäßigkeit so viel möglich ab-finden; nach den Stoikern endlich sind sie Thoren, die von ver wahrenWeisheit ewig fern bleiben, obschon sie ewig nach ihr zu ringen sichabmühen.
Der vierte und letzte Band behandelt zuerst die Geschichte derPhilosophie, wie sie sich unter der römischen Weltherrschaft fortgebil-det hat. Ihr geht eine sorgfältig gearbeitete Einleitung voraus, diesich über den Geist jener Zeiten (bis zum Jahre 200 nach Chr. G.)und über den immer mehr vorherrschenden Einfluß verbreitet, welchendie neue Religion auf die Philosophie genommen hat, und die zugleichüber die Gesammtliteratur der Römer einige helle, in unseren Tagennoch lange nicht genug berücksichtigte Aufschlüsse gibt. Mehrere Par-tien dieser Einleitung sind mit großer Umsicht und Sorgfalt geschrie-ben. Warum die Herrschaft der lateinischen Sprache, als Spracheder Wissenschaft, so kurz war; warum sie sich nie zu der Höhe dergriechischen Literatur erhob; welchen Einfluß die Kaiserregicrung aufdie römische Literatur hatte; wie schädlich die Nachahmung der grie-chischen Werke auf die Römer wirkte; wie das ganze wissenschaftlicheStreben der letzter» nicht rein wissenschaftlich, sondern mehr politischwar, bald in bloße Wohlrednerei ausartete, und wie endlich auchnoch diese Fertigkeit in Wortspielen erlosch — alles dieß wird hiereben so wahr als schön ausgeführt.
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