72 Volkmann, Gesichtssinn.
wenn wir sie, ohne den Kopf zu bewegen, auf verschiedene Objecterichten.
Warum wir, da dieses Bild der Gegenstände im Auge verkehrtsteht, doch die Gegenstände selbst aufrecht zu sehen glauben, darüberist in alten und neuen Zeiten genug gesprochen, aber noch nichts defi-nitiv entschieden worden. Der Verfasser führt die Meinungen vonBerthold, Bartels, Chaubart, Walker u. a. an, und suchtdaS Irrige derselben zu zeigen. Er selbst wendet sich der Ansicht vonJohannes Müller zu, der der Sache dadurch ein Ende machenwill, daß er sagt: „Die natürlichste Erklärung des AufrcchtsehenS istdie, daß eö einer Erklärung gar nicht bedarf." DaS Auge kehrt nämlichnicht einzelne Objecte, sondern eü kehrt alles um, also auch denBoden, worauf diese Objekte stehen, so wie die Decke, die über ihnenausgespannt ist. Braucht man, heißt es weiter, statt der WorteOben und Unten, von welchen eigentlich dieser Streit entstandenist, die Worte Himmelwärts und Erdwärts, so ist sofort alleöklar. Wir müssen nämlich die Beine eines betrachteten Menschen(wenn sie gleich im Bilde näher bei dem Himmel, als der Scheiteldieses Menschen stehen), doch immer erdwärts sehen, weil auch imBilde diese Beine an der Erde haften, weil auch im Bilde dieseBeine der Erde zu, und von dem Himmel weggewendet sind. Aufdiese Weise soll also von einem Verkehrtsepn, wo nichts gerade ist,auch nicht weiter die Rede seyn können, und da das Auge, eben weilcS alles umkehrt, auch alles in seinen lokalen Relationen läßt, so istdie Stellung des BildeS völlig gleichgültig. Wir würden selbst dannalleö aufrecht sehen, wenn auch das Netzhautbildchen des Auges nachder Quere stünde u. s. w.
Wir schätzen die Größe der äußern Gegenstände nach dem soge-nannten Gesichtswinkel, und dieser Winkel wird, nach der beinaheallgemeinen Annahme, von denjenigen Lichtstrahlen gebildet, die vonden Endpunkten deö Objekts ungebrochen durch das Centrum der Kri-stalllinsc gehen. Dieß läßt nun der Verfasser nicht gelten, aus demGrunde, weil die wässerige Feuchtigkeit vor der Linse selbst dieAchsen-strahlen der Lichtkegel, die sonst ungebrochen durch die Mitte der Linsegehen würden, bricht, ehe sie an die Linse gelangen, und weil größereGegenstände, z. B. eine GebirgSreihe, die am Horizonte hundert undmehr Grade einnehmen, gar keine Lichtstrahlen von ihren beiden äußer-sten Endpunkten mehr zum Mittelpunkte der Linse schicken kann, indemdiese Strahlen schon früher von der Iris aufgefangen werden. Nach