Feßler'S Biographie.
515
ihn umgaben; aber wir hören demungeachtet die alten Fessel» klirre»und selbst in seinem hohen Alter und in den Augenblicken, wo er sichzu seinem Frieden mit sich selbst Glück wünschen will, entschlüpfe»ihm Ausdrücke, die nur zu deutlich von dem Gegentheile eeugen.
In seinem neunzehnten Jahre wurde er in den Ordzn der Ka-puziner in Ofen aufgenommen. Die harten Arbeiten der Novize»aber verleideten ihm diesen Stand und nach einem halben Jahreschon begehrte er seine Entlassung. Der Novizenmeister jedoch wußteseine schwache Seite zu treffen. Er brachte ihm den Seneca mitden Worten: „Da, lerne von dem Heiden christliche Ergebung." —Feßler fügte sich und fand am Ende seine Leiden sogar angenehm.Er geißelte sich mit Dornen bis auf das Blut, fastete bis zur Ohn-macht, aß und trank darauf wieder bis zum Uebermaße — alles, wieer sagt, um sich gehörig zum Missionär und zum Märtyrer vorzu-bereiten, ein Stand, der ihm über alles wünschenöwerth erschien.UebrigenS findet er Seneca'S, seines Lieblings, Werke weit über diePsalmen, deren Eructationen eines ächt Mischen Hasses er durchausnicht leiden konnte.
In seinem zwanzigsten Jahre legte er seine unauflöslichen Kloster-gelübde ab. Noch ein Jahr vergrub er sich in mystische und asiatischeBücher, die er in seiner Klosterbibliothek gefunden hatte. Aber nunbrachte ihm ein ungarischer Edelmann Fleury's Kirchengerichte, dieseine religiösen Ansichten gänzlich änderte und einen Feuerbrand insein Innerstes warf. „Meine ganze Welt war zertrümmert undmeine Ruhe war dahin. Mit Riesenkraft arbeitete ich, entwedermeinen alten Zustand wieder herzustellen, oder doch in diesen neuenLicht und Friede zu bringen. Ich rang, betete, fastete — alles ver-gebens. Das Unheil ging seinen Gang."
Bald sollte zu dem alten Uebel noch ein neues kommen. Einerseiner Brüder gab ihm lascive Bücher; der Geschlechtstrieb erwacht,und ein zweiter schwerer Kampf begann. Wenn er eine Haube saheoder ein paar Pantoffeln klappern hörte, so wieherte sein Innerstes,und „hätte mich mein Seneca nicht zurückgehalten, ich hätte wild alleFesseln zerbrochen und mich auf meinen Raub gestürzt."
In ruhigern Augenblicken sah er das Thörichte seines Treibensund beschloß, durch Erwerbung von Kenntnissen und Gelehrsamkeit sichvor seinen übrigen Brüdern auszuzeichnen, um dadurch sich fähig zumachen, eine ProfefforSstelle an irgend einer Universität zu erhalten,da dieß der einzige Weg war, der ihm übrig blieb, sein Kloster wiederlos zu werden. Er verfolgte von nun an diesen Zweck mit einerBeharrlichkeit, die für einen zwanzigjährigen Jüngling selten genanntwerden darf und eö wäre nur zu wünschen, daß auch die Mittel,welche er zu diesem Zwecke verwendete, besserer Art gewesen wären.
Diese Vorsätze hinderten ihn jedoch nicht, einen Liebeshandel miteiner schönen Schneiderin reformirter Confession zu unterhalten. DieLeser erfahren zwar nur wenig von dieser ersten Liebe des Verfassers.Ein Brief der „holden Schneidermeisterin, der bloßen Freundin seines