Geßuers Liebe zu ven Naturwissenhaften erwachte sehr früh. Schon als eilfjährigcrKnabe begleitete er Wegeiln von Dießenhofen?), der in Zürich Medizin ftudirte, auf seinenbotanischen Ercursionen, und kletterte nach seltenen Pflanzen an die gefährlichsten Stellen.Ja sogar wenn im Spitale eine chirurgische Operation vorgenommen wurde, durfte er nichtfehlen. Kaum zwölfjährig wirkte er durch dringendes Bitten die Erlaubniß seiner Elternaus, sich auf medizinische und naturwissenschaftliche Studien vorzubereiten, und während erim llollochum I>uma»ituli8 ') den alten Sprachen obzuliegen harte, benutzte er zugleich mitdem größten Fleiße den Privatunterricht, welchen der berühmte Johann Jacob Scheuch-zer ') in allen Theilen der Medizin bereitwillig ertheilte. Zur Erholung dienten häufigeExcurfionen auf den Uetliberg, die Lägen, und an den schon durch Conrad Geßner berühmtgewordenen Katzen-See.
1723 wurde Geßner in's obere Kollegium aufgenommen, wo Scheuchzer die Mathematik,Muralt') die Physik und Naturgeschichte vortrug. Nebenbei benutzte er fortwährend Scheuch-zer's Privatvorträge, und übte sich in verschiedenen Apotheken in der Zubereitung der Arz-neien. Auch unternahm er in diesem Jahre seine zwei ersten Schweizerreisen, von denen ihndie Eine auf den damals noch ziemlich unbekannten Rigi führte, — eine Freude, die ihn,theuer genug zu stehen kam, indem er auf dem Rückwege am ober» Aldis stürzte und denArm brach. Doch schreckte ihn dies nicht im Mindesten, sondern im Gegentheile gab er inden Jahren 1724 und 1726 seinen Alpenreisen noch größere Ausdehnung, und brachte große
2> Johann Georg Wegelin, als Leibarzr des Fürsten von Salm früh verstorben.
3) Eine 1602 errichtete Uebergangsanstalt von den unteren in die oberen Schulen.
4) Scheuchzer , seit 1710 Lehrer der Mathematik an den obern Schulen, war nicht nur äußerstgelehrt, sondern ein in allen Beziehungen freisinniger und aufgeklärter Mann, welcher auf seineSchüler den glücklichsten Einfluß ausübte, aber gerade darum den Chorherren, seinen College», nurum so verhaßter war: „Herr Doktor Scheuchzer/' schrieb (nach Meister) Landschreiber Gwerb 1714an Land Vogt Füßli, „hatte eine weiße Krähe, die flog ihm aus. Der Doktor stieg ohne Schuhe auf„das benachbarte Dach und holte sie ein, jedoch nicht ohne Gefahr des Lebens. Man sagt, wenn er„todt gefallen wäre, so hätten die Chorherren der Krähe ein Leibgeding geordnet." Siehe überScheuchzer : Hörner im Programme der Zürcherischen Cantonsschule für 1844.
5) Johannes von Muralt aus Zürich <1645 — 1733), ei» für seine Zeit sehr bedeutender Bokaniker und Anatom. Siehe über ihn das 55ste Rcujahrsblatt der Gesellschaft auf der Chorherrenstube,wo wie in anderen Schriften Muralt's Tod auf 1733 gesetzt wurde, während Johann Geßnerin einem von 1732 datirten Briefe Haltern Muralt's Tod anzeigte (s. Note 20). Herr ChorherrKrämer hatte nun die Güte, im Todtenbuche des Großmünsters nachzuschlagen, und fand dort den1S. Januar 1733 als Bcgräbnißtag Muralt's, — so daß sich also Geßner bei jenem Briefe in derJahrzahl verschrieb, wie es übrigens noch heut zu Tage hin und wieder im Anfange eines Jahres zugeschehen pflegt.