173
Da die Einfuhr im gleichen Jahr oben zu Ztr. 23,007 im Werth von stanz. Frkn. 6,199,138angenommen worden ist, so hätte die Schweiz in jenem Jahr Ztr. 19,290 mehr bezogen als aus-geführt, und demnach für ihren Mehrbedarf an Leinen und Leinenwaaren 4,068,604 stanz. Frkn.zu bezahlen gehabt.
Es ist indessen nicht zu übersehen, daß die Ausfuhr über die sardinische Gränze, sowie all-fällige Ausfuhr auf dem Weg des Schmuggels nicht berücksichtigt werden konnte. Wenn aber auchdiese in Anschlag gebracht werden, so dürfte die Schweiz immerhin jährlich gegen 3 Millionen stanz.Franken für ihren Bedarf an Leinenwaaren an das Ausland abgeben, welche Ausgabe bei Wie-derbelebung der Leinenindustrie im Innern leicht ausgewichen werden könnte.
Auch ohne die Anwendung von Schutzzöllen dürfte die Leinenindustrie um so gewisser wiedererstarken — wenn die schweizerischen Fabrikanten sich überzeugen, daß auf diesem Artikel mehr alsauf der Baumwolle zu gewinnen ist — als alle Elemente für diese Industrie noch im Lande vor-handen sind.
Würden in der Schweiz hohe Zölle auf die Einfuhr von Leinenwaaren gelegt oder dieselbengänzlich prohibirt, so würde sich diese Industrie zwar zuversichtlich wieder heben, indem Hände undGeldkräfte, welche gegenwärtig in der Baumwollindustrie beschäftigt sind, sich ihr wieder zuwendenwürden; allein für den Nationalreichthum wäre kaum etwas gewonnen, wenn Kräfte einer Industrieentzogen würden, die ohne künstlichen Schutz blüht, um sie einer solchen zuzuführen, die nur beiSchutzzöllen bestehen kann. Die nächste Folge wäre, daß die Schweiz ihren Bedarf an Leinen-waaren theurer als bisher bezahlen und überdieß weniger Baumwollwaaren ausführen würde,daß ihr also weniger Arbeitslöhne durch das Ausland vergütet würden: denn unmöglich kann eineNation alle Industriezweige zugleich und mit derselben Schwungkraft betreiben, und ich zweifle,daß es für die Schweiz als Staat Vortheilhast wäre, wenn ihre industrielle Bevölkerung im Ver-hältniß zur agrikolen noch bedeutend wüchse.
Wenn dieß aber richtig ist, so ist es gewiß vortheilhafter, die Leinenwaaren wohlfeil ausIrland und Sachsen zu beziehen, als sie theuer selbst zu produziren, zumal eine nur durch künst-lichen Schutz erstarkte Industrie auf den fremden Märkten die Konkurrenz mit der gleichen In-dustrie anderer Staaten, die sie im eigenen Lande nicht bestehen kann, auch nicht überwinden könnte.
*
Hiemit schließe ich die Vergleichung des Schicksals der Baumwoll-, Seiden- und Linnenindustrieunter dem Prohibitivsystem und unter demjenigen des freien Handels, nachdem ich glaube nachge-wiesen zu haben, daß die Baumwoll- und Seidenindustrie unter diesem Letztem in der Schweiz ebenso gut, wenn nicht besser gediehen ist, als anderwärts bei dem System von Verboten und Schutz-zöllen, so wie daß die Linnenindustrie zu gleicher Zeit in Oesterreich bei dem Prohibitivsystem und imdeutschen Zollverein bei dem System von Schutzzöllen eben sowohl Rückschritte gemacht hat, als inder Schweiz bei dem System des freien Handels.