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von eigenen wie fremden Waaren in gleichem Maße. Auch wurden im vierzehnten Jahrhundert,während Zürich Wollentücher ausführte, feine Tücher von Mecheln, Löwen, Brüssel eingeführt.
Im fünfzehnten Jahrhundert ging die Industrie in Zürich wieder wesentlich zurück; manmachte zwar auch Grautuch, allein 1437 wird von Räthen und Bürgern der Rebb au als „einzigerErwerb" bezeichnet. — Der geschworne Brief von 1498 gedenkt keiner Kaufleute mehr, und diezwei Zünfte der Linnen- und Wollenweber wurden nun in eine verschmolzen. Seit den Burgunder-kriegen hatte man sich mehr auf das Kriegshandwerk gelegt, bis Zwingli gegen das Reislaufeneiferte und Landbau und Gewerbe wieder zu Ehren brachte.
Um die Mitte des scchszehnten Jahrhunderts kamen, um ihres Glaubens willen verfolgt,mehrere angesehene Familien aus Locarno nach Zürich, die Orelli, Muralto und Dunus, undbrachten die Industrie zu neuem Flor, namentlich auch die Wollenindustrie; sie errichteten die früherunbekannten Walkmühlen, machten Tücher und Wollenzeuge.
Im siebenzehnten Jahrhundert wurde den bestehenden Verträgen zuwider durch Colberts Zoll-ordnung von 1667 auch die schweizerische Industrie mit neuen Zöllen in Frankreich belegt, wasgroße Unzufriedenheit erregte und zu fruchtlosen Tagsatzungsverhandlungen führte.
In Folge der Aufhebung des Edikts von Nantes kamen bald darauf französische Protestantennach Zürich, welche dort die Wollenmanufaktur neu belebten; so errichteten die Rey und Bourguetvon Nimes Strumpfwebstühle, die viele Hände beschäftigten.
Zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts übertraf die Wollenmanufaktur in Zürich noch alleandern Industriezweige.
Zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts hingegen ward sie von der Baumwollindustriegänzlich verdrängt, gleichwie sie früher größtentheils die Linnenindustrie verdrängt hatte.
Die Gründe dieser Umwandlung anzugeben ist schwer. Auch in Frepburg, wo vormals viel Wollen-waaren bereitet wurden, ist die Wollenmanufaktur zurückgegangen und ebenso in Basel und Schaffhausen.
Diese Erscheinung dem Freihandelsystem aufzubürden, wäre, wie schon bemerkt, ungerecht. Hin-gegen ist es allerdings aller Ueberlegung werth und ernstlich zu berathen, ob die Schweiz nicht trachtensoll diesen Industriezweig dadurch wieder zu gewinnen, daß sie die Einfuhr feiner Wollentücher ausdem Ausland mit hohen Zöllen belegt? Es könnte dieß geschehen, ohne daß die Aufstellung einesDouanensystems nöthig wäre, indem die fremden Tücher im Detailverkauf mit Zoll belegt würden.Das Verhältniß scheint mir hier darum wesentlich anders als bei der Linnenindustrie, weil dieSchweiz für ihren eigenen Bedarf an Wollenwaaren sehr große Summen alljährlich ausgibt, wasbei der Leinwand nicht im gleichen Maß der Fall ist.
Da die Schweiz einerseits alle Elemente für die Wollenindustrie besitzt, indem sie den Rohstofftheilweise selbst hervorbringt oder ebenso leicht beziehen kann, als diejenigen Staaten ihn beziehen,denen sie die Wollenfabrikate abnimmt, — da sie industrielles Geschick und eine zahlreiche industrielleBevölkerung, so wie verfügbare Kapitalien besitzt, während anderseits begründete Besorgniß waltet,daß die Baumwollinduftrie, insoweit dieselbe mit der Bereitung einfacher Stoffe sich befaßt, mit