4H XII. Klage. Wollwaaren.
Wollprodukte Nordamerika'? und Australiens nur Europäischer Art wa-ren, ist begreiflich.
Wir haben in dem gegenwärtigen Berichte den Begriff der Wolleim weitesten Sinne zu nehmen. Denn nicht blos Gewebe aus der Wolledcö Schafes fallen in unsere Klasse, sondern überhaupt alle Zeuge ausspinnbaren Thicrhaaren. Und wenn auch einige Arten solcher Faserstoffe,wie das Kamcelhaar, für unsere Länder keine Anwendbarkeit haben undHasen- und Kaninchenhaarc zu Geweben wohl nie Bedeutung erlangen,so ist doch die Shawl-Fabrikation seit lange an den Flaum der Kaschmir -Ziege gewiesen; neuerlich haben sodann die Vließe der Angorischcn Ziege,sowie die Wolle des Alpaka und Vicuna eine so rasch zunehmende Ver-wendung zu Gespinnstcn erlangt, daß sie unter die wichtigeren Artikel desWelthandels zählen. Um eine Anschauung zu gewinnen von dem Ver-hältniß, in welchem man diese Faserstoffe verarbeitet, werden wir bei demHandel um denselben etwas verweilen und die Bemerkungen beifügen,welche zur Aufklärung über deren Eigenthümlichkeiten erforderlich scheinen.Die Resultate des Handels werden uns zugleich manche Andeutungenüber den Umfang ihrer Produktion und Verwendung gewähren, die ausdirektem Wege fast nirgend mit Vcrlässtgkeit zu finden sind ').
Wie im Kornbandcl, so ist auch im Wollhandel England der Mit-telpunkt des Weltverkehrs. Was auf dem Englischen Markte vorgeht,wirkt weit hinaus bis in die entlegensten Länder Europa's und der übrigenErdthcile. Unsere Betrachtung hat daber vor allem den Englischen Woll-bandel ins Auge zu fassen; dabei wird sich Gelegenheit geben, der übrigenLänder an ihrer Stelle zu gedenken. Die Englische Wollmanufaktur istmehr als die der übrigen Europäischen Länder von der Zusukr sremderWolle abhängig. Dies bat seilten Grund nicht blos in der Ausdehnungderselben, die von der eigenen Schafzucht nicht befriedigt werden kann,sondern vornehmlich auch in der Qualität der Englischen Wolle. DerEnglische Landwirth züchtet mit wenigen Ausnahmen das Schaf nur fürden Metzger. Die Wolle bildet blos einen sehr kleinen Theil der Vergel-tung, die er für sein Futter erwartet. Er hält daher schwere, viel Fleischgebende und rasch sich mästende Schafe, die das ganze Jahr im Freientheils auf natürlichen Weiden, theils auf Klee- und Rübcnäckcrn bleiben.Das Schaf wird abgewöhnt angekauft und gcwöbnlich 1 Jahr späterbald nach der Schur verkauft. In 42—44 Schilling Werth eines ge-mästeten Schafes ist der Werth der Wolle (bei 0 Pfund Ertrag) 6 Schil-ling. Da der Schafmästcr für die Ernährung eines Schafes währendeines Jahres 14—16 Schilling Vergeltung erlangen muß, die Wolle abernur 6 Schilling werth ist, so kann von der Schafhaltung zur Wollerzeu-gung nur ausnahmsweise auf höbcrem Weideland, nicht bei der gewöhn-lichen Landwirthschaft Englands, die Rede sein. Dies hat aus die Qua-lität der Wolle sehr wesentlich zurückgewirkt, die fast durchweg langhaarig,gröber und schlichter ist als die des Spanischen Schafes und seiner Ab-