318 Dreizehntes Kap. Der Norden und Osten.
pen nach Warschau zu senden, als Nachbarin, als Freundin dieBeruhigung Polens wünschend.
Von dieser Einmischung Rußlands in das Wahlgeschäft hebtdie Leidensgeschichte Polens an, und eröffnet sich das traiu'igsteSchauspiel in der neuen Geschichte. Die größte, kühnste, entsczlichstc,von jeder möglichen Beschönigung durchaus cntblöste Verlezungdes Völker - und heiligsten Mcnschenrechts, und zehnfach nieder-schlagend durch den Mißbrauch rechtlicher Formen und friedlieben-der Worte; ein Gewebe von Gewalt und Hinterlist, beispiellosin der Geschichte seit der Römerzcit, und wenn auch die hunni-schen und vandali sehen Gräuel an physischem Uebel nichterreichend, doch moralisch gewürdigt nach Ursprung, Motivenund Umständen, unendlich schrecklicher als sie. Der Fall Polensverkündete mit Donnerstimme der civilisirten Welt den völligenUmsturz des Gleichgewichts, die siegende Herrschaft derGewalt, und sonach den Fall alles öffentlichen Rechts;und wenn nach 2oh. v. Müllcr's schwerem Worte „Gottdamals die Moralität der Großen zeigen wollte,"so öffnete sich dadurch dem Denker die düstere Aussicht auf dieunendliche Fülle des Jammers und aus die schaudervolle Reihevon Umwälzungen, welche da nöthig seyn würden, um einen öffent-lichen Rcchtszustand wiederherzustellen.
Den ersten Gewalt-Mißbrauch erlaubte sich Rußland beimWahlgeschäft. Zwar Stanislans, welchen es vorschlug, warder Krone wohl werth durch Talente und Tugenden; aber dieWahl war nicht frei, des präpotcnten russischen Einflusseswillen, und die Stimmen der vaterländisch Gesinnten, wie jeneder Gegner Rußlands, wurden gewaltsam unterdrückt. Hieraufbegaben sich viele Große des Reichs, unter ihnen der Krongroß-fcldherr Branizki, der Fürst Radzivil, zwei Potvki, mitihren Anhängern vom Reichstag weg, sezten sich zum Theil aufihren Burgen fest, und bereiteten Krieg, während Soltyk, derBischof von Krakau, mit ihm eine Zahl Senatoren und Landbotcn,den fruchtlosen Kampf gegen die russische Partei in Warschauselbst fortsezten. Rad zivil und Branizki erlagen bald derüberlegenen Macht ihrer Feinde und der Russen. Es ward nun-