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Deutschland und das uebrige Europa : Handbuch der Bodens-, Bevölkerungs-, Erwerbs- und Verkehrs-Statistik; des Staatshaushalts und der Streitmacht / in vergleichender Darstellung vom Dr. Freih. Fr.W. v. Reden
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Ernährungsfähiglceit des Bodens in Europa.

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Ungeachtet eine auch nur einigermasen zutreffende Beantwortung dieserFrage schon wegen der niedrigen Stellung der Bodenstatistik in fast allenStaaten und wegen der grossen Verschiedenartigkeit der Verhältnisse zu denUnmöglichkeiten gehört, ist sie doch vielfach versucht.

Wie sehr alle dergleichen Berechnungen in den höchsten Dunst-kreisen derWahrscheinlichkeits-Statistik schweben müssen, lässt sich leichtermessen, wenn man weiss, was ich in den früheren Abschnitten dieser Schriftüber die Zuverlässigkeit der besten Quellen der Bodenstatistik dargelegthabe. Dennoch kann nicht in Abrede gestellt werden, dass selbst oberflächlicheSchätzungen einiges Interesse gewähren, wenn man zur Beurtheilung so hoch-wichtiger Verhältnisse keine besseren Grundlagen besitzt. Deshalb sind auchalle geistreichen und von Sachkunde zeugenden Versuche dieser Art mit Dankaufzunehmen und ich rechne dazu namentlich die Berechnungen, welche Profes-sor Hlubeck gemacht hat und die durch das Centralblatt des landwirthschaftlichenVereins in Bayern von 1851, Seite 29 ff. mir bekannt geworden sind. Wennich die von ihm angenommenen Verh ält niss zahle n für denBedarf anMenschen und Thieren bei den einzelnen Betriebsarten der Landwirthschaftauf meine für Europa ermittelten Grössen und Mengen anwende, so ergiebtsich Folgendes:

1. Die G r a s wirthschaft soll für 151 Preuss. Morgen nur 1 Arbeiter er-fordern; würde also diese Art des Bodenbaues allgemein betrieben, so könntendadurch nur 7,680000 Menschen Beschäftigung finden.

2. Von dieser ursprünglichen, einfachsten Form der Bodenbenutzung, zurnächstverwandten Koppelwirtschaft übergehend, welche mit 10 Arbeitern,3 Pferden und 30 Nutzrindern 225 Morgen besorgt, würde diese Art desBodenanbaues beschäftigen und erfordern:

51,500000 Arbeiter, 15,450000 Pferde oder doppelt so viel Zugochsenund 154,500000 Nutzrinder.

Da jedoch die Koppelwirtschaft auf 1 Morgen nur 3 Zollzentner oder3 V 2 Scheffel Nahrungsmittel erzeugt, so musste im Fortgange der Zeit der Ge-treidebau erweitert werden, durch

3. Die Dreifelder-Wirtschaft, welche 2 /3 des Pflug- Grab- und Gras-Landes dem Getreidebau widmet und von 1 Morgen 9 Zentner oder 11 Vs Scheffelmenschliche Nahrung erlangt. Diese Art der Bewirtschaftung macht für je 225Morgen (Pflug- Grab- und Gras-Land) 13 Arbeiter, 4 Pferde und 40 Nutz-rinder nötig, mithin ist für ganz Europa ihr Bedarf:

66,950000 Arbeiter, 20,600000 Pferde und 206,000000 Nutzrinder.

4. Geht die Dreifelder-Wirthschaft in die Furchtwechsel-Wirthschaft(jedoch ohne Gespinnstpflanzen- und Hackfruchtbau) über, dann sind für je 225Morgen 17 Arbeiter, 5 Pferde und 50 Nutzrinder erforderlich, was für ganzEuropa ergeben würde:

107,550000 Arbeiter, 25,750000 Pferde und 257,500000 Nutzrinder.

5. Nimmt die Fruchtwechsel-Wirthschaft Wurzelgewächse in ihreReihenfolge auf, dann sind für je 225 Morgen 22 Arbeiter, 7 Pferde und 60Nutzrinder nötig; mithin für ganz Europa:

113,300000 Arbeiter, 36,050000 Pferde und 309,000000 Nutzrinder.

6. Würden endlich in Europa, (allenthalben wo es die klimatischen Verhält-nisse zulassen) Mais, Runkelrüben und die G espi n n s t p fl an z e n in jenerAusdehnung angebaut, welche die gesteigerten Bedürfnisse dieses Erdteiles er-fordern, so hätte der Bodenbau allenthalben seinen Höhenpunkt erreicht, ohne

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v.Reden, Statistik v. Europa.