Orientalische Volker. Egypter. 89
seltenen Holzes. Die Todten wurden von den Hinterbliebenennoch oft durch Opfer, die man ihnen brachte, geehrt, und bliebendurch ihre Erhaltung in einer gewissen Verbindung mit ihrer Fa-milie. Die Vernachlässigung derselben von Seiten der Ihrigengalt für entehrend. Eine eigenthümliche Sitte, welche die Vertraut-heit der Egypter mit dem Gedanken an den Tod und ihre ernsteAnsicht von, Leben zu erkennen gibt, waltete öfters bei festlichenMahlen: man trug nämlich mitten in der Freude derselben Plötzlichein aus Holz geschnitztes Bild, das eine Mumie vorstellte, oder aucheine wirkliche Mumie an den Gästen vorüber, nicht um, wie Mancheglauben, ihnen damit zu sagen, daß das Leben kurz sei und des-halb jeder dasselbe genießen möge, sondern um die Anwesenden zur Mäß-igkeit aufzufordern und an die höheren Zwecke des Lebens zu erinnern.—
Die Wissenschaft war in Egypten der priestcrlichen Pflege an-heimgegeben; ja, es beschäftigten sich sogar nur die Mitglieder derPriesterkaste mit ihr. Diese Beschränkung der höheren Bildungauf einen bestimmten Theil des Volkes hemmte von Anfang an dieEntwickelung derselben. Andere Hindernisse lagen in der Kostbar-keit des Schreibmaterials und der Beschaffenheit der Schrift. DieEgypter hatten ein Papier, welches in uralter Zeit bei ihnen er-funden worden war, und durch sie auch außerhalb Egypten in Ge-brauch kam. Sie selbst bedienten sich nur dieses Papiers, und auchin den civilisirten Ländern von Europa dauerte es sehr lange, bisdasselbe durch das im zweiten Jahrhundert vor Christo erfundenePergament gänzlich verdrängt ward. Man bereitete es aus einerWasserpflanze, welche Papyrus heißt, indem man den Stammderselben in dünne Blättchen zerlegte, und diese auf und an ein-ander leimte. Von jener Pflanze erhielt es nicht allein selbst seinenNamen, sondern dieser wurde in den Sprachen der civilisirten Völ-ker des Abendlands auch auf andere Schreibmaterialien übertragen.
Die Schrift der Egypter war eine dreifache, nämlich die hiero-glyphische, die hieratische und die demotische oder gemeine Schrift.Diese drei Arten sind aus einander hervorgegangen. Die ursprüng-liche Hieroglyphen-Schrift war eine Zeichnung, und bestandaus den Figuren der Gegenstände, von welchen man redete; esgibt in den Überresten egyptischer Schriften etwa 800 solcher Figuren.Die hieratische Schrift war nur eine Abkürzung der hiero-