208 Geschichte der alten Welt.
seiner eigenen Rohheit begriffen. Ganz anders zeigt sich Griechenlandin den Erzählungen und Dichtungen von dem trojanischen Krieg undden übrigen Begebenheiten der späteren heroischen Zeit. In diesen Sa-gen wird das Wesen der Griechen freundlicher und friedlicher darge-stellt, von eigentlichen Wundern ist, mit wenigen Ausnahmen, keine Redemehr, und Alles deutet auf eine mildere Zeit und geordnetere Zustände.
Von diesen letzten Jahrhunderten oder der eigentlichen Blüthe-zeit des griechischen Heroenthums besitzen wir in der Jliade undOdyssee, den beiden ältesten erhaltenen Werken der griechischenLiteratur, eine treue Schilderung. Beide Gedichte, welche gewöhn-lich dem Dichter Homer zugeschrieben werden, sind, neben der Dar-stellung eines Theils der Heldensagen, ein treues Gemälde derSitten, des herrschenden Geistes und des häuslichen wie des öffent-lichen Lebens der Griechen zur Zeit des trojanischen Kriegs undunmittelbar nach demselben.
Die Griechen jener Zeit erscheinen überall als eine nicht zahl-reiche Bevölkerung, welche in kleine Staaten vertheilt ist, in steterBerührung unter einander lebt, und in Sitten, Lebensweise undSprache keine bedeutende Verschiedenheit zeigt. Es ist ein rüstiges,kriegerisches Volk, das bei einfachen Sitten und unter einemfreundlichen Himmel ein leichtes und heiteres Dasein hat. DieGleichartigkeit der Religion, der Sprache und der Sitten machte,daß die Griechen jener Zeit, obgleich sie in viele Völkerschaften undStaaten geschieden waren, doch gleichsam wie Glieder eines größe-ren Ganzen einander nahe standen; am Ende der Heroenzeit warensogar einzelne Völkerschaften durch nähere Verwandtschaft und ge-meinschaftliche Tempel und Feste mit einander noch enger ver-bunden. Doch war das Band, welches alle umschlungen hielt, einunsichtbares, und deswegen hatte man auch noch keinen Gesammt-namen für die griechische Nation.
Ackerbau und Viehzucht waren die Hauptbeschäftigungendes Volks. Außerdem hatte man einige wenige Gewerbsthätigkeit.Andere Erwerbsquellen waren die Jagd, der Fischfang und derKrieg. Die Landwirthschaft bestand in Getraide-, Wein- und Gar-tenbau. Stiere waren das Zugvieh, Esel und Maulthiere dientenzum Lasttragen, Pferde wurden nur selten zum Reiten gebraucht,wohl aber zum Ziehen der Streitwagen im Kampfe. Die Heerden