318
>
Geschichte der alten Welt.
gab, die Herzen seiner Unterthanen zu gewinnen. In seinen Gär-ten und Landgütern war jedem Athener der Eintritt und der Ge-nuß der Früchte erlaubt.
Seine Regierung war eine bleibende Wohlthat für Athen,welches ihm seine erste Blüthe verdankt. Er belebte den Ackerbauvon neuem, hob den Handel, und Pflegte Wissenschaft und Kunstaus wahrer Liebe. Er und einer seiner Söhne sollen zuerst dieim Munde der Rhapsoden oder Sänger stückweise fortlebenden Ge-dichte Homer'S gesammelt, dieselben in der Form, in welcher sieunter dem Namen Jliade und Odyssee sich bis auf unsre Tage er-halten haben, zusammen gesetzt und den öffentlichen Vertrag dieserWerke an dem Feste der Panathenäen angeordnet haben. Sogardie Anlegung einer öffentlichen Bibliothek schreiben spätere Schrift-steller des Alterthums ihm zu. Auch verschönerte er Athen durchBauwerke, er ließ diese aber wahrscheinlich nur aus demselbenGrunde errichten, wie Polykrateö von Samos die seinigen, nämlichum das gemeine Volk zu beschäftigen und durch den ihm gewähr-ten Erwerb seiner Herrschaft geneigt zu erhalten.
Als Pisistratus 527 v. Chr. starb, folgte ihm sein ältererSohn Hippias in der Regierung nach. Dieser gewährte seinemBruder Hipparchus so viel Einfluß, daß gewöhnlich beide Brü-der unter dem Namen der Pisistratiden als gemeinschaftlicheHerrscher angesehen werden. Hippias war zwar von Natur zumDespoten geschaffen, und Hipparchus liebte rauschende Vergnüg-ungen, Schwelgerei und sinnliche Genüsse; allein Beide regiertenanfangs in der freundlichen und verständigen Weise ihres Vaters.Hipparchus zeichnete sich außerdem durch seine Bildung und seineLiebe zu Wissenschaft und Kunst aus, zog große Dichter, wie Ana-kreon und Simonides von Ceos, an seinen Hof, und suchte auchunter den Athenern den Sinn für Bildung zu beleben. Die Athenerbefanden sich unter den Pisistratiden in der gleichen Lage, wie unterdein Vater derselben, und hatten keine Ursache zur Unzufriedenheit.Dessen ungeachtet fiel Hipparchus als das Opfer einer Verschwör-ung, und diejenigen, welche ihn ermordeten, wurden in späterenZeiten von den Athenern als Märtyrer der Freiheit gepriesen undverherrlicht. Es war aber nicht der Haß der Tyrannei, sondern