Griechen. Geistiges Leben der älteren Zeit. gg?
Die Satyre, welche im Anfang des siebenten Jahrhundertsv. Chr. als besondere Dichtungsart aufkam, ging aus den moralischbelehrenden Gedichten hervor, und begann ihre Anfänge damit,daß Spott und Bitterkeit sich mit der moralischen Belehrung ver-einigten, um die Schlechten zu schrecken und die Guten zu ermun-tern. Als ein Muster in dieser Gattung wurde von den AltenArchilochus von Paros angesehen, dessen Lebensgeschichte gleichder des Dichters Aesop in Fabeln gehüllt ist. Er wird für denErfinder der Jamben gehalten, eines Versmaßes, dessen sich dieGriechen vorzugsweise zur Satyre bedienten. Außer ihm ist na-mentlich Ale aus ausMitylene zu nennen, ein berühmter lyrischerDichter, der um das Jahr 600 v. Chr. lebte. Von wilder Frei-heitsliebe begeistert, machte er sich ein eigenes Geschäft daraus, dieTyrannen Kleinasiens und der griechischen Inseln zu brandmarkenund das Volk beständig zum Aufstande zu reizen; namentlich aberverfolgte er Pittakus, den Beherrscher seiner eigenen Vaterstadt,mit bitteren Liedern. —
Die zweite Klasse von Gedichten dieses Zeitraums umfaßt dieWerke der lyrischen Poesie. Das selbstständige Auftreten die-ses Zweiges der Dichtkunst hängt einerseits und äußerlich mit denFortschritten der griechischen Musik zusammen, welche damals sehrvervollkommnet wurde, und auch in der Poesie neue und mannich-saltigere Weisen hervorrief. Andrerseits aber und dem innerenWesen" dieser Dichtungsart nach stehen die lyrischen Gedichte jenerZeit in einem innigen Zusammenhange mit den moralischen Poesieender vorhergehenden Abtheilung. In Beiden herrscht nämlich die,:selbe Lehre: „Der Mensch ist hinfällig und schwach, das Lebenkurz; also entweder genießt es vollständig, oder sucht das Dauerndein euch selbst und flieht jeden Genuß, welcher unsicher und unbe-ständig ist!" Die lyrische Dichtkunst jener Zeit hat also eine dop-pelte Seite. Sie ruft zu vollem Lebensgenuß auf, und lehrt dieNichtigkeit aller irdischen Genüsse und die Seligkeit betrachtenderRuhe: zwei Gegensätze der Lebensweisheit, welche in der Cultur-geschichte der Völker gewöhnlich zusammen auftreten, sobald beieinem gewissen Grade von Bildung die Genüsse sich mehren. Da-mals waren es die ionischen und äolischen Griechen Kleinasiens,welche von ihrem ersten Wohlstand schnell zu üppigem Leben über-
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