434 Geschichte der alten Welt.
Gedächtniß. Die Menge der Sterbenden war so groß, daß eineBeerdigung Aller unmöglich war, zumal da viele Familien der mitallen Klassen von Menschen überfüllten Stadt die Mittel dazunicht besaßen. Alle polizeiliche Ordnung löste sich auf, und schreck-lich waren die moralischen Wirkungen des Übels. Man fragte nachkeinem göttlichen und menschlichen Gesetze mehv, da der Gute wieder Schlechte von der Krankheit ergriffen wurde, und bei der all-gemeinen Verwirrung und der Machtlosigkeit der Regierung dieFurcht vor Strafe verschwand; der Pöbel hatte keine Zucht undScham mehr, und dachte nur an das Vergnügen, um bei derraschen Vergänglichkeit des Lebens den gegenwärtigen Augenblicknicht ungenossen vorübergehen zu lassen. So hausten der Tod, einvielfältiges äußeres Elend und die größte sittliche Entartung inAthen, und durch den Krieg verbreitete sich das Übel auch nachanderen und weit entlegenen Orten. Von dem athenischen Heer,welches damals mit der Belagerung von Potidäa beschäftigt war,starben innerhalb vierzig Tagen nicht weniger als tausend undfünfzig Mann an dieser Krankheit.
Perikles, der Beherrscher von Athen, hatte in Folge diesesÜbels nicht allein das Schicksal, sondern auch seine Mitbürger gegensich. Weil er zum Kriege gerathen hatte, und weil in Gemäßheitdes von ihm empfohlenen Kriegsplanes die Stadt mit Menschenüberfüllt war, so schrieb man ihm vorzugsweise die gegenwärtigenLeiden zu. Er selbst bot zwar alle seine Kräfte auf, um das Volkzu ermuthigen und ihm das verlorene Vertrauen zu sich selbst undzu seinem Leiter wieder zu geben; allein es gelang ihm nicht. Erselbst wurde vielmehr ein Opfer der herrschenden Verzweiflung:man entsetzte ihn seiner Befehlshaber-Stelle, und legte ihm als demUrheber des Übels eine Geldstrafe auf, deren Betrag von den griechischenGeschichtschreibern verschieden angegeben wird, die aber nach der ge-ringsten Angabe fünfzehn Talente oder 39,000 fl. (gegen 22,000Thlr.) betrug. Gerade zu derselben Zeit hatte Perikles großeshäusliches Unglück zu erdulden. Nachdem schon vorher viele Glie-der seiner Familie und nicht wenige seiner besten und tüchtigstenFreunde von der herrschenden Krankheit hingerafft worden waren,erlitt er jetzt auch den Schmerz, seinen einzigen noch übrigen Sohnsterben zu sehen. Mit der größten Fassung und Ruhe hatte Perikles