Band 
[Fünfzehnter Band.]
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334 Geschichte der neueren Zeit.

Der Oheim des jungen Mannes war Erzbischof von Paris s undwünschte seinen Neffen, trotz der ärgerlichen und lüderlichen Lebens-weise desselben, zum Coadjntor zu erhalten; er hielt ihn daher zugeistlichen Studien an. Da der junge Gondi ein guter Kopf undvon lebhafter Natur war, so bezweifeln wir nicht, daß er dieWahrheit sagt, wenn er erzählt, er habe schon im siebenundzwanzigstenJahre alle Proben theologischer und klassischer Gelehrsamkeit be-standen. Gondi ward der Catilina oder, weil er auch Geistlicherwar, der Talleyrand der Zeit der Fronde, in welcher höchstens vonGlauben, niemals aber von strenger Sittlichkeit und Zucht die Redewar. Er hatte sich zuerst in der Gunst der Anna von Ostreichfestzusetzen gesucht; als er aber diese Frau ganz in Mazarin'sGewalt sah, suchte er sich des schwachen Gaston von Orleans zuseinen Zwecken zu bedienen. Der Letztere fühlte recht gut, daßman ihm zwar den Titel General-Statthalter des Reiches nichtbestreite, daß aber dieser Titel ihm kein Gewicht im Staate verleihe.Ihm konnte der junge Abbe als Coadjutor seines Oheims sehrnützlich sein; denn Gondi hatte nicht nur die reichen Stiftungenund Spenden der Pariser Kirche ganz in seiner Hand, sondern esstand auch der ärmere Theil der Bürgerschaft von Paris in seinemSolde, und seine Creaturen konnten jeden Augenblick die ganzeStadt in Bewegung bringen und von den Kanzeln herab fanatisiren.Außerdem übte Gondi auch einen Einfluß auf die jüngeren Mit-glieder des Parlaments und auf die Damen aus, welche eine stilleVerschwörung gegen Mazarin bildeten.

Auf die ältere.n Parlaments-Räthe wirkten in gleicher Weisezwei Männer, die sich in jener unruhigen Zeit dadurch ein unsterb-liches Verdienst erworben haben, daß sie zugleich den Demagogenund dem despotischen Kardinal muthig die Stirn boten. DieseMänner waren der erste Präsident Mols und der General-AdvokatTalon. Der Letztere galt zu seiner Zeit für den ausgezeichnetstenRedner in Europa. Wir wissen jedoch nicht, wie er zu diesemRuhme gekommen sein mag, wenn er ihn nicht etwa blos der Artdes Vortrages verdankte; denn seine pedantischen Denkwürdigkeiten,welche in der großen Sammlung eine Reihe von Bänden füllen,haben nichts Anziehendes, und die einzige seiner Reden, die gedrucktward, ist auf lächerliche und lästige Weise geschnörkelt.