574 Geschichte der neueren Zeit.
anzulegen. Dies geschah innerhalb sechs Tagen, und der Herzogvon Lothringen wußte dadurch, daß er selbst mitarbeitete, die ganzeBevölkerung zu begeistern und in Thätigkeit zu setzen. Er beobachteteaußerdem das abgesonderte Heer, welches unter Tököli und demPascha von Ofen Preßburg besetzt hatte, so gut, daß er demselbenam 29. Juli eine zweite Niederlage beibrachte, wodurch es genöthigtward, Preßburg wieder zu verlassen und sich an die Waag zu ziehen.
An der Spitze der Wiener Bürgerschaft stand Ernst Rüdigervon Stahremberg, welcher nachher der in der Stadt herrschen-den Krankheit erlag. Die Bürger von Wien retteten damals durch !einen Muth und eine Ausdauer, welche ganz Europa bewunderte, idie vom Kaiser verlassene Stadt. Sie hatten die schwere Aufgabe,das zahllose türkische Heer so lange aufzuhalten, bis die polnischeVolksmasse zum Beistande erschien. Es war nämlich in dem Schutz-und Trutzbündniß mit Johann Sobiesky bestimmt worden, daßdieser und der Kaiser einander mit vierzigtausend Mann, im Falleaber Krakau oder Wien belagert werde, mit ihrer ganzen National-Macht beistehen sollten. Wien hatte eine Besatzung von nur zwölf-hundert Mann, zu welchen am Tage vor dem Anfange der Bela-gerung noch zwölftausend Mann einzogen. Man übte zwar die ^jungen Kaufleute, die Hofdiener und die Handwerker zum Kampfe einund bildete Regimenter aus ihnen; es waren aber nur etwa fünf-tausend Mann derselben militärisch brauchbar, und diese waren mit ^den Truppen nicht einig. Das Volk hielt übrigens strenge Polizei: -wer im geringsten verdächtig oder nur fremd aussah, wurde ver- 'haftet oder gar erschlagen.
Die Einschließung und Belagerung Wien's dauerte vom An-fange des Juli bis in den September hinein. Die Stadt wurde in >dieser ganzen Zeit hart bedrängt und litt an Allem Mangel. Außerdemsollen die türkischen Raubschaaren während der beiden Monate der ^Belagerung mehr als viermalhunderttausend Menschen aus den ,
kaiserlichen Landen in die Sklaverei geschleppt haben. Die Wiener !
Bürger wußten von den zu ihrem Entsatze gemachten Anstaltennichts, während sie durch Caprara, den der Groß-Vezier mit sichführte und gut behandeln ließ, Nachrichten und Rathschläge er-hielten. Im letzten Augenblicke, als endlich der Kern der polnischenArmee dem großen Hauptheere vorauseilte, vereinigten sich die