Frankreich u. Rußland. Napoleon u. Alexander I- 1808. 17g
wenn nicht die Politik und die Herrschsucht im Spiele waren. Ale-xander war ein Zögling des Republikaners Laharpe, er Patte einweiches Gemüth, und besaß von Hause aus einen gesunden Ver-stand; dessenungeachtet hatte er einen der rohesten Männer seinesVolkes, den General Araktschejef, bis an dessen Tod zum ver-trautesten Freunde, affectirte eine sklavische Ehrfurcht gegen die un-wissenden Mönche seiner Kirche, und blieb, trotz seines scheinbar soinnigen Verhältnisses zu Napoleon, nicht nur mit dem preußischenKönige, sondern insgeheim sogar auch mit England verbunden.Auf einen solchen Mann einen Einfluß zu erlangen, war den eng-lischen Aristokraten und den Mitgliedern des ritterschaftlichen Bundesin Deutschland nicht schwer, zumal da Rußland durch den Druckdes Continental-Systems sehr litt, und die russischen Großen, sowiedie Mutter ihres Kaisers dem Beherrscher der Franzosen abgeneigtwaren. Napoleon konnte sich, obgleich Alexander die Kunst derVerstellung meisterhaft verstand, über das veränderte VerhältnißRußland's zu Frankreich um so weniger täuschen, als das gelegent-liche Benehmen russischer Gesandten und Admirale ihm deutlichzeigte, daß die Freundschastsbezeugungen Alerander's mit der russi-schen Politik nicht immer übereinstimmten. Er hielt daher, als ersich nach Spanien begeben wollte, für rathsam, seine Freundschaftmit Alexander durch eine neue Zusammenkunft zu befestigen. Diesschien ihm namentlich auch aus dem Grunde nöthig, weil Östreichoffenbar mit dem Gedanken umging, die in Deutschland herrschendeStimmung zu benutzen, um Frankreichs und Rußland's Plane mitder Türkei zu vereiteln. Einer mächtigen persönlichen Einwirkungauf das halb weibliche Gemüth Alerander's glaubte aber Napoleonsicher zu sein, da er aus Erfahrung wußte, daß der Zauber seinesWesens und Benehmens unwiderstehlich sei.
Die beabsichtigte Zusammenkunft fand im Herbst 1808 zu Er-furt Statt. Sie erregte schon im Voraus bei den englischen undpreußischen Aristokraten so große Besorgnisse, daß einer der Letzteren(Schladen) dem russischen Kaiser eine besondere Denkschrift über-sandte, in welcher er ihn vor „den Sophismen, Lügen und Fall-stricken, die seiner in Erfurt warteten," zu warnen suchte. Alexan-der traf am 27. September in Erfurt ein, von wo Napoleon ihmzwei Stunden weit entgegengereist war. Dieser bot dort Alles auf,