214 Geschichte der neuere« Zeit.
zug gemacht, bei welchem ebenfalls auf den im Volke herrschendenFranzosen - Haß gerechnet worden war. Erzherzog Ferdinandwar Mitte April in das Herzogthum Warschau eingedrungen. Erhatte das schwache polnische Heer unter Joseph Poniatowskyzurückgedrängt und am 21. April die Stadt Warschau besetzt. Dievom Fürsten Gallizin angeführten Russen, welche noch achtMärsche von Warschau entfernt waren, benahmen sich auf'einezweideutige Weise, und man rechnete von Seiten Östreichs sogardarauf, daß Rußland und Preußen sich demnächst an Napvleon'sGegner anschließen würden. Diese Hoffnung veranlaßte den Erz-herzog, bis nach Thorn in Westpreußen vorzudringen. Sie zeigtesich jedoch bald nichtig. Der preußische König wollte nicht ehereinen entscheidenden Entschluß fassen, als bis die Osireicher einenHauptsieg errungen hätten. Der Kaiser von Rußland suchte ausPolitik die Freundschaft mit Frankreich vorerst noch zu erhalten, ob-gleich er dem Oberbefehlshaber seines Heeres ausdrücklich gebot,nicht über die Weichsel hinaus vorzuschreiten. Erzherzog Ferdinandsah sich daher Mitte Mai wieder zum Rückzüge nach Galizien ge-nöthigt.
Auch die von einigen Officieren in Nord-Deutschland gemachtenVersuche, den Franzosen-Haß zu kühnen militärischen Unternehmun-gen zu ^benutzen, hatten keinen Erfolg; sie dienten vielmehr nurdazu, der französischen Verfolgung deutscher Patrioten den Scheindes Rechtes zu verleihen. Durch diese Versuche konnte das Volkselbst schon aus dem Grunde nicht in Bewegung gebracht werden,weil sie auf einem rein aristokratischen Boden erwachsen waren undkeinen anderen Zweck hatten, als die beschimpfte militärische Ehreder Preußen am Feinde zu rächen. Ihre historische Bedeutung be-stand lediglich darin, daß sie die Aussicht gewährten, den unent-schlossenen König von Preußen vielleicht zur Theilnahme am östrei-chischen Kriege hinzureißen. Aus diesem Grunde wurden sie auchvon Männern der wichtigsten politischen oder militärischen Stellungenin Preußen insgeheim unterstützt. Der Erste, der es wagte, denFranzosen mit einer Handvoll Leuten tollkühn entgegenzutreten, warder preußische Hauptmann von Katt. Dieser Pflanzte beim Be-ginne des östreichischen Krieges in der Altmark die Fahne der Em-pörung auf, und suchte mit einer Anzahl ehemaliger preußischer