282 Geschichte der neueren Zeit.
Auch mit Östreich ließ Napoleon einen Bundesvertrag ab-schließen. Dieser wurde viel schneller zu Stande gebracht, als dermit Preußen geschlossene, weil auf der einen Seite Östreich aus den-selben Gründen am Kriege gegen Rußland Theil nehmen mußte, auswelchen dieses früher den Franzosen ein Hülfsheer gegen Östreichgesendet hatte, auf der anderen aber Napoleon in Betreff Östreichsnicht, wie bei Preußen, erst mit sich auszumachen hatte, ob er nichtlieber das ganze Reich dem seinigen einverleiben, als sich mit ihmverbünden solle. Der Vertrag mit Östreich, welcher wie der preu-ßische aus einem öffentlichen und einem geheimen bestand, wurde am14. März 1812 zu Paris geschlossen. Er enthielt die gegenseitigeVerbürgung des Besitzstandes beider Mächte, sowie das Versprechen,einander Hülfe zu leisten, wenn eine von ihnen bedroht werde. DieseHülfe war, insofern Östreich sie zu leisten hatte, auf dreißigtausendMann festgesetzt. Durch folgende fünf Punkte unterschied sich dermit Östreich geschlossene Vertrag wesentlich von dem preußischen.Erstens ward den Östreichern nicht wie den Preußen verboten, ihreTruppenzahl zu vermehren und ihre Festungen in guten Stand zusetzen. Zweitens sollten die für den russischen Krieg bestimmtenöstreichischen Truppen nicht, wie die preußischen, unter den Ober-befehl eines Franzosen gestellt werden. Drittens ward in einemArtikel des Vertrages die Integrität des türkischen Reiches verbürgt.Viertens wurde die Gebietsvergrößerung, welche Napoleon dem öst-reichischen Kaiser versprach, nicht auf einen Ersatz für die Kriegs-kosten beschränkt. Fünftens war in dem Vertrage ausgesprochen,daß Östreich, falls die Wiederherstellung des polnischen Reiches dieAbtretung von Galizien nöthig mache, durch die illyrischen Provinzenentschädigt werden solle. Doch war der letztere Punkt in eine etwaszweideutige Fassung gebracht.
Die Polen hatte Napoleon während des ganzen Jahres 1811durch die vorgespiegelte Hoffnung, daß die Zeit zur Wiederherstellungihres Reiches gekommen sei, aufwiegeln lassen. Zu diesem Zweckehatte er im Januar 1811 seinen Diplomaten Bignon nach Warschaugeschickt, welcher dort zugleich ein über Rußland und Östreich hinausgebreitetes Spionir-System einrichten sollte. Bignon's Aufgabewurde dadurch sehr erschwert, daß die fortgesetzten UnterhandlungenNapvleon's mit Rußland nothwendiger Weise den Polen bedenklich