298 Geschichte der »eueren Zeit.
dessen drangen die Franzosen unaufhaltsam vor, und so geschah esdenn, daß man sich zuletzt übereilt und mit Aufopferung vielerVvrräthe nach der Düna zurückziehen mußte. Schon am nächstenTage nach Alerander's Abreise zog Napoleon in Wilna ein (28. Juni).Dieser richtete sogleich eine Verwaltung für Litthauen ein, mit derenLeitung er Bignon, Maret, Jomini und den holländischen Ge-neral Hogendorp beauftragte. Den Letzteren, welcher früher inholländischen Colonieen den orientalischen Despoten gespielt hatte,ernannte er nicht nur zum Generalgouverneur des Landes, sonderner gab ihm auch, als Bignon und Jomini mit ihm m Streit ge-riethen, in allen Stücken Recht, und rief sogar die beiden Letzterenganz ab. Durch das Verfahren dieses ebenso hochmüthigen, alsgegen Napoleon servilen Mannes und durch die Franzosen, welcheNapoleon nachher zu Vorstehern der einzelnen Landestheile machte,wurden die Litthauer dem französischen Interesse völlig entfremdet.
Schon auf dem Wege nach Wilna, sowie beim weiteren Vor-dringen von dort gaben sich die Schwierigkeiten kund, welche mit derKriegführung im unwirthlichen russischen Reiche verbunden sind.Furchtbare Regengüsse und nach denselben eine unerträgliche Hitzehemmten zugleich mit dem Mangel an Lebensmitteln den Marschdes Heeres ungemein, und erschwerten die Handhabung der Dis-ciplin von Tag zu Tag mehr. Die gerühmte Einrichtung des Fuhr-wesens war schon in Wilna zerrüttet, und die ebenso sehr gerühm-ten Anstalten für die Ernährung der Truppen zeigten sich mangel-haft und ungenügend. Über zehntausend Pferde waren gefallen, undman mußte viele Wagen und Kanonen blos darum in Wilna zurück-lassen, weil es an der Bespannung fehlte. Napoleon hielt sich inWilna länger auf, als eines russischen Sommers wegen rathsamwar. Erst am 16. Juli trat er den weiteren Marsch an. Am 28.erreichte er Witepsk. Unterwegs erfuhr er zu seinem Leidwesen, daßihm durch die Schuld seines Bruders Hieronpmus ein großerVortheil entrissen worden sei. Es war nämlich, in Folge des Vor-dringens der Franzosen nach Wilna und des Rückzuges der Russenan die Düna, die russische Vertheidigungs-Linie durchbrochen undein zahlreiches Heer unter Bagration fast ganz abgeschnitten wor-den; Hieronpmus hatte daher zugleich mit Davoust den Befehl er-halten, dieses Heer völlig einzuschließen. Auch hatte der Letztere den