Band 
[Achtzehnter und neunzehnter Band.]
Seite
446
JPEG-Download
 

448 Geschichte der neueren Zeit.

für Deutschland den großen Vortheil, daß ein so bedeutender Mannsich von den Gelehrten und der studirenden Jugend weg an diegebildete Welt überhaupt richten, also seine Thätigkeit populär machenmußte. Im Jahre 1809 wurde Fichte an der neu gestifteten BerlinerUniversität als Professor angestellt. Überall, wo er auftrat, regte erals ausgezeichneter Redner, als Mann von Bildung und Charaktereinen zahlreichen Kreis aufstrebender Menschen für geistige Interessenmächtig an, und brachte, wie auch Neinhold gethan hatte, nicht nurdurch Verträge, sondern auch durch allgemein verständliche Schriftendie Resultate der Philosophie in das größere Publikum. Auf dasvon ihm aufgestellte philosophische System oder die Philosophie desIdealismus brauchen wir uns hier nicht einzulassen, weil die Wir-kung, welche Fichte auf den Gang der deutschen Bildung ausübte,nicht von seinen Lehrsätzen, sondern vom Geiste derselben und vonihrer Tendenz herzuleiten ist. Für die neue Stufe der Entwickelungnämlich, auf welche Fichte die Nation führen half, bestand dereigentlich entscheidende Punkt darin, daß dieser Philosoph den ge-bildeten Theil der Deutschen für das Ideale empfänglich machte,daß er den Blick der studirenden Jugend vom rohen Studenten-Treiben hinweg auf Vaterland, auf Menschenrechte, auf reine Er-kenntniß, auf die Begeisterung für das Höhere hin lenkte, daß alsoseine Richtung zugleich sittlich, national und politisch anregend war.Diese Wirkung Fichte's trug in der Literatur und im Leben derDeutschen ihre Früchte, wenn auch, wie man ihm und anderen an-gebeteten philosophischen Lehrern oft vorgeworfen hat, seine Schülerdas Vorgetragene nicht durchaus verstanden. Seine Zuhörer undLeser wurden nämlich ebenso blindlings zur literarischen Reformhingeleitet, wie das französische Volk in seiner Revolution zur poli-tischen Freiheit geführt worden war.

An Fichte's Stelle in Jena trat sein genialer Schüler SHel-ling, und dieser führte nicht nur die Philosophie eine Stufe höherhinauf, sondern er war auch ebenso, wie Fichte, mit Erfolg bemüht,die deutsche Welt für das Ideale empfänglicher zu machen. Es mußdaher als eine besondere Leitung der Vorsehung angesehen werden,daß drei ausgezeichnete Denker nach einander gerade von demjenigenOrte aus mächtig wirkten, an welchem damals die deutsche Jugendauch aus dem Grunde zusammenströmte, weil dort und im benach-