Band 
[Achtzehnter und neunzehnter Band.]
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Deutsche Literatur. Reiuhold und Fichte. 445

Philosophie dem gebildeten Theile der Nation so sehr zu empfehlen,daß selbst ältere Männer nach Jena kamen, um ihn zu hören.Übrigens trug er nicht gerade wörtlich Kantische Philosophie vor,obgleich er auch kein eigenes System lehrte. Man nannte daherauch seine Lehre oft im Scherze die Philosophie ohne Namen. SeinHauptverdienst bestand darin, daß er die geistige Revolution Deutsch-land's von der rechten Seite her faßte, indem er einen gediegenenphilosophischen Sinn unmittelbar ins Leben brachte, und dem Volkenicht blos gelehrte, sondern auch innerlich durchgebildete Beamte,Ärzte und Geistliche zu verschaffen suchte. Durch eine glücklicheFügung des Schicksales ward Reinhold 1793 auf Betreiben desdänisch-deutschen Dichters Baggesen, eines der begeistertsten Anhängerder politischen Revolution in Frankreich und der poetisch-philosophi-schen in Deutschland, nach Kiel berufen; denn an seine Stelle tratein Mann, der ihm an Kenntnissen und Beredsamkeit mindestensgleich, an Tiefe des Denkens aber, an selbstständiger Productions-Kraft und an Energie des Charakters überlegen war, und dieserführte die deutsche Jugend einige Schritte weiter über die Schrankenhinaus, welche Kant dem menschlichen Denkvermögen gesetzt hatte.

Dieser Mann war Fichte. Er hatte sich schon im dreißigstenLebensjahre durch eine anonyme Schrift, welche von Kant's Schülernanfangs für ein Werk ihres Meisters gehalten wurde, großen Ruhmerworben. Ein Jahr später (1793) hatte er den Muth gehabt, vonZürich aus, wo er eine Zeitlang lebte, in zwei anderen Schriftennicht nur die der französischen Revolution zu Grunde liegendenPrincipien philosophisch zu vertheidigen, sondern auch von den deut-schen Fürsten Denk-, Lehr- und Preßsreiheit zu fordern. Dessen-ungeachtet berief die Weimarische Regierung ihn 1793 an Rein-hold's Stelle nach Jena. Hier wirkte er dann mit noch größeremErfolge, als Reinhold, weil in einer geistigen Revolution ebenso,wie in einer politischen, nur ein tüchtiger Reformator von Charakter-Stärke oder ein furchtbarer Charlatan die Massen nachhaltig in Be-wegung zu bringen vermag. Fichte blieb in Jena, bis das kur-sächsische Consistorium ihm wegen eines Aufsatzes, der als freigeisterischangesehen wurde, solche Verdrießlichkeiten bereitete, daß er 1799seinen Abschied nahm. Er begab sich nach Berlin, und privatisirtelängere Zeit dort und in anderen preußischen Städten. Dies hatte