452 Geschichte der neuere» Zeit.
und denkenden Theil des Publikums geschrieben hatte. Klinger be-trachtet in denselben das wirkliche Leben vom Standpunkte desPhilosophen aus. Er sucht dem denkenden Leser die wunden Stellender fortschreitenden Civilisation aufzudecken und ihm nachzuweisen,daß der Grund aller Übel, welche ein durch Verweichlichung und So-phistik entartetes Geschlecht zu erdulden habe, in der verkehrten Rich-tung der Civilisation selbst zu suchen sei. Er stellt das leichte,müßige, mit Wissenschaft und Kunst spielende Leben der höherenKlassen, welches Göthe im Meistex und in den Wahlverwandtschaftenso reizend gemalt hat, von der ganz entgegengesetzten Seite dar.Treffend und mit steter Hinweisung auf die Grundursachen allerGebrechen und Übel schildert er nicht blos diesen Theil der Gesell-schaft, sondern auch den Pedantismus und die Verkehrtheiten derdeutschen Gelehrten, die Eitelkeiten der Reichen, die Modethorheitendes Publikums, den servilen, geduldigen Charakter des deutschenVolkes u. s. w.
Kehren wir zu Göthe und Schiller zurück, so finden wirBeide von 1795 an bis zu Schiller's Tod (1805) zu gemeinschaft-lichem literarischen Wirken innig verbunden und mit einander überihre Arbeiten berathschlagend. Dabei war es wieder eine wohl-thätige Fügung des Schicksals, daß in Betreff dessen, was beideMänner der Nation zu gewähren vermochten, Einer den Anderengewissermaßen ergänzte. Schiller stand dem Volke und der Jugendnäher, Göthe war mehr für die vornehmen Kreise und für dasklassisch gebildete Publikum geschaffen. Schiller stand als Genieweit unter Göthe, welcher aus Inspiration mit leichter Mühe einebezaubernde Schöpfung nach der anderen schuf. Dessenungeachtetnützte aber Schiller dem geselligen und häuslichen Leben des ge-summten Volkes weit mehr als Göthe; denn er ward durch dasIdeale in seiner Auffassung, durch den philosophischen und didakti-schen Charakter seiner Lyrik, durch seine Hinneigung zum Positiven,durch das Feierliche seines Vertrages unmittelbar Lehrer der Nation,da hingegen Göthe immer nur mittelbar lehrte. Dieser vermochtenicht, wie Schiller, das gesammte deutsche Publikum vom Gemeinenund Platten zum Idealen zu erheben, weil es hierzu weniger einerschöpferischen Productions-Kraft des Dichters und eines tiefen inneren