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Geschichte der »eueren Zeit.
der südeuropäischen Poesie und durch die Einführung ihrer Formenin die deutsche Dichtkunst, nach unserer Ansicht, der Nation keinenDienst geleistet. Eine auf dem Boden der wilden Lust und Leiden-schaft, des Aberglaubens und Ceremonien-Dienstes emporgewachseneDichtung konnte unmöglich für deutsches Klima, für deutsches Lebenund Gemüth paffend sein. Durch die Sonnette aber und andere denSprachen des Südens entsprechende Dichtungsformen mit ihrerschwierigen Reimerei ward die Kunst in Künstlichkeit verwandeltund das Wesentliche dem Unwesentlichen aufgeopfert. Auch die denRomantikern eigenthümliche Verachtung des Bürgerlichen, das siePhilisterthum nannten, und noch mehr die besonders von den Schlegelausgesprochene Verhöhnung der Moral als spiesbürgerlicher Be-schränktheit war sehr schädlich, zumal da beide Brüder der Moralnicht, wie Göthe, nur gelegentlich, versteckt und dichterisch, sondernsogar ganz offenkundig und in Prosa ihre Verachtung bezeugten.Sie und ihre Freunde suchten die Genialität und die Leichtfertigkeitim Leben philosophisch zu idealisiren, schalten das Festhalten anheimischer Sitte und bürgerlicher Moral nordische Prosa, und priesendagegen die im Süden einheimische Grundsatzlosigkeit und Genußsuchtals die höchste Poesie und als wahre Lebensphilosophie. FriedrichSchlegel hat sogar in dem 1799 erschienenen Roman Lucindegeradezu Kunst und Poesie in den ersten Rang, Zucht und Sittlichkeitin den zweiten gestellt; und sonderbarer Weise hat einer seinerFreunde, der christliche Theolog und Pfarrer Schleiermacher,einen Commentar zu diesem Buche geschrieben, dessen unmoralischerInhalt nicht, wie der von Göthe's Wahlverwandtschaften, wenig-stens zugleich pbetisch ist. Diese Schrift hat freilich in Deutschland nieein großes Publikum gehabt, so sehr auch die Schlegel'sche Theorievon der Poesie des sinnlichen Genusses den Leuten gefiel, welche inReichthum und Müßiggang der bloßen Lust leben. Verderblich istund bleibt jedoch immer eine Schriftstellerei, welche ein sittenreineshäusliches Leben als Philisterthum, sowie die Religiosität des Herzensund Verstandes als Mangel an Kunstsinn und Beweglichkeit dar-stellt, und dagegen fremdes Leben und fremde Sitten idealisirendpreist. Sie verleidet denen, welche nicht Gelegenheit haben, durchErfahrung auch die großen Mängel des Gepriesenen kennen zulernen, ihr Vaterland und ihr heimisches Leben, und richtet den