Französische Literatur. Chateaubriand. 473
schildert hatte. Im Jahre 1802 ließ Chateaubriand unter demTitel „Geist des Christenthums" ein größeres Werk erscheinen, wel-chem die genannten beiden Romane einverleibt waren. Diese Schriftist gewissermaßen die Ausführung dessen, was in Atala und Rensnur versucht worden war. Sie sollte nämlich vermittelst einerdichterischen Auffassung und Behandlung das katholische Christen-thum als poetische Religion und Philosophie empfehlen. Sie fanddaher auch bei den Herren und Damen der Salons, denen dasrein biblische Christenthum zu nackt und zu trocken scheint, die glän-zendste Aufnahme. Im Jahre 1807 kam zu diesem Werke nochChateaubriand's Roman oder Epopöe „die Märtyrer", sowie späterdie Beschreibung seiner Pilgerfahrt nach Jerusalem hinzu.
Fassen wir diese drei größeren Werke mit bloßer Rücksicht aufihre Wirkung unter einen Gesichtspunkt zusammen, so haben alledrei die Theorie, welche nachher unter Ludwig XVIII. Hof-Religionward, der vornehmen Welt empfohlen und dadurch den zurückkeh-renden Jesuiten den Weg gebahnt. Chateaubriand stellte nämlichdas, was im Geiste der Zeit liegt, als verderblich dar, half diekirchliche, nicht die religiöse Richtung herrschend machen, setzte Pomp,Symbolik und eine mystische Mythologie an die Stelle des einfachenGlaubens und Cultus, und suchte, um den 1789 erwachten Volks-geist niederzudrücken, das Licht durch Nebel und Dunst zu trüben.Er hat also durch religiösen Bombast ebenso gewirkt, wie die Ur-heber der Revolution durch politischen und wie die Bülletins,Sophisten und Geschichtschreiber Bonaparte's durch prahlende undmilitärische Redensarten. Deshalb findet sich auch in Chateaubriand'sgrößeren Werken, besonders in den Märtyrern, nicht die Spur desgriechischen Geistes, welchen Andrs Eherner der französischen Litera-tur einzuhauchen gesucht hatte. Die Geistlichen in Frankreich priesenund benutzten diese Schriften, obgleich sie recht gut wußten, daßChateaubriand's Religion ebenso wenig mit den Dogmen des Tri-dentinischen Concils, als mit der Lehre des neuen Testaments über-einstimme; denn die Leere, welche die Revolution hinter sich gelassenhatte, ward durch bunte Schwärmerei ausgefüllt, und diese bahntstets dem blinden Köhlerglauben den Weg.
In Beziehung auf poetischen und rhetorischen Werth sprechen wirnicht über Chateaubriand's Schriften; wohl aber müssen wir be-